In „Das Land der traurigen Orangen“ (Lenos Verlag, Zürich, 1994) beschreibt Ghassan Kanafani sein Exil von der palästinensischen Küstenstadt von Jaffa.
Als 12-Jähriger kämpfte er, um zu verstehen, aber „in jener Nacht, auch als gewisse Fäden der Geschichte klarer wurden, stand ein großer LKW vor unserer Tür. Leichte Dinge, hauptsächlich Dinge zum Schlafen, wurden schnell und hysterisch in den Wagen gebracht.“

Ein paar Jahrzehnte nachdem Kanafani über sein Exil geschrieben hatte, dachte ich, ein 8-Jähriger Junge aus einem Gaza-Flüchtlingslager, für mich selbst nach. Als ich an der Küste von Jaffa stand, verschwamm plötzlich die Trennlinie zwischen Realität und Fantasie. Einmal war Jaffa Palästinas größte Stadt, und es stellte sich nun heraus, dass es kein Hirngespenst meines Großvaters oder Kanafanis war, sondern ein mit Händen greifbarer Ort von Sand, Luft und Meer. Die palästinensisch-arabische Identität von Jaffa war überall offensichtlich.
Ich war ein Drittklässler auf meinem ersten Schulausflug. Den Gazaern war es damals noch erlaubt, nach Israel die Grenze zu überschreiten, meistens als ausgebeutete billig-Lohnarbeiter. Meine Familie wurde aus Palästina vertrieben, während der Nakba, der großen Katastrophe, die die Vertreibung von Hunderttausenden Palästinensern aus ihren Häusern sah. Meine Familie bestand aus einfachen Bauern aus dem Dorf von Beit Daras. Die Bewohner meines Dorfes waren wegen ihrer Vorliebe von Couscous bekannt und wegen ihrer legendären Sturheit, ihres Mutes und Stolzes. Beit Daras’ Bewohner sahen in Jaffa ein Zentrum für viele Aspekte ihres Lebens. Eine kommerziell lebhafte Hafenstadt, wegen seiner Orangen weltbekannt, Jaffa gehörte zu den größten Märkten im südlichen Palästina.

Gesamtansicht vom Nordstrand, 1900-1920. Matson Collection
General view from the north beach, 1900-1920. Matson Collection
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General view from the north beach, 1900-1920. Matson Collection
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Jaffa war auch das Zentrum für arabische Kultur und ein Modell für die Koexistenz von Religionen. Aber die britische Kolonisierung Palästinas, die 1917 begann und 1922 eine Mandatsregierung wurde, unterbrach den natürlichen historischen Fluss, der Jaffa zum schlagenden Herzen Palästinas machte.
Eine gebildete Eliteschicht hob das Niveau des politischen Bewusstseins der Stadt in einem Maße, sodass man sie noch nach heutigen Kriterien für den Nahen Osten als hoch ansehen kann. Politiker, Künstler, Banker, Handwerker, junge und lebhafte Studenten-Gemeinschaften gaben Jaffa eine Mittelklasse, die eine wesentliche Rolle im Kampf gegen den britischen Kolonialismus und seine zionistischen Verbündeten spielten, schon Jahre vor der Nakba und der Entstehung Israels.
Jaffaer Gewerkschaftler organisierten sich für Arbeitnehmerrechte mit beständigem Engagement. Arabische Arbeiter wurden entlassen und jüdische Arbeiter kamen aus Europa, um ihren Platz einzunehmen. Diese Mobilisierung wird ein Teil des Streikes und der Revolution von 1936, Palästinas erster kollektiver Aufstand, der Generationen von Palästinensern bis heute anregt.
Zahlreiche Dörfer und kleine Städte schauten nach Jaffa zur Führung und manchmal auch zum Überleben. Mein Großvater, der ein kleines Stück Land in Beit Daras besaß, war ein Handwerker, der Körbe flocht. Alle paar Tage transportierte er das Beste, das er machte, zum Markt in Isdud und manchmal auch in al-Majdal, in der Hoffnung, ein paar palästinensische Dinare zu bekommen, um sein mageres Einkommen aufzubessern. Das Beste wurde aber für Jaffa aufgehoben, denn die Jaffaer hatten den besten Geschmack. Er würde sich für diesen Ausflug piekfein machen. Nachdem er seinen treuen Esel gefüttert hatte, würde er seine Körbe auf der Karre festmachen und sich auf den langen Weg machen.
„Sido (Opa), bitte, erzähle uns Geschichten über deine Abenteuer in Jaffa“, baten wir ihn, wenn er auf einer alten Matratze in seiner speziellen Ecke einer kleinen halbverfallenen Hütte in einem Flüchtlingslager in Gaza saß. Seine Geschichten, die er mit viel Spannung erzählte, bewegten sich fein zwischen Wahrheit und Fantasie. Als ich erwachsen wurde, wurde mir klar, dass die Fantasie nicht nur seine Art und Weise war, uns Kinder zu amüsieren, sondern auch eine Art war, auszudrücken, wie Jaffa seine größten Triumpfe bescherte und demütigsten Niederlagen darstellte.
Fantasie half ihm, von der Welt Sinn zu machen, die er verlassen hatte. Als die Araber 1936 revoltierten, schlugen die Briten erbarmungslos zurück. Sie töteten nicht nur, steckten nicht nur ins Gefängnis. schickten viele Jaffaer ins Exil und verunstalteten die Stadt. Große Teile der Altstadt wurden eingeebnet, sodass sie nicht mehr gesehen werden konnte. Geschichte wurde gewaltsam ausgelöscht.

Die Altstadt vor 1945-Matson Collection
Großvater war einer der Tausenden, die Palästina bis zum bitteren Ende verteidigten. Obwohl er ein Bauer war, der sich selbst beigebracht hatte, wie man Körbe herstellt, um zu überleben, tauschte er alles für ein altes türkisches Gewehr ein, um Beit Daras zu verteidigen, während die benachbarten Dörfer – eins nach dem anderen – in die Hände der Zionisten fielen.
Großvater erzählte viel, wie wunderbar Jaffa aussah. Er beschrieb die sanfte Briese vom Meer her, als ob sie euch bei der Ankunft in der Stadt begrüßen wolle und ihr das Gefühl hattet, das eure Seele zu euch zurück käme.
Als Beit Daras nach auf einander folgende Schlachten zwischen zionistischen Milizen und Dorfbewohnern, die nur ein paar alte Waffen hatten, fiel, war Großvaters Seele auf immer gefangen.
Als der Plan Dalet, der Meisterplan, mit dem der größte Teil Palästinas mit Gewalt erobert wurde, erfüllt worden und auch das britische Militär abgezogen war, wurde die Eroberung von Jaffa der Höhepunkt einer gewalttätigen Kampagne.
Die Schnellstraße zwischen Jaffa und Jerusalem wurde ein Theater für heroische Schlachten. Der Höhepunkt war die Schlacht von Castal, wenige Meilen von Jerusalem entfernt.
Britische Soldaten verprügeln Musa Pascha Kathem al-Husseni, eine palästinensische Persönlichkeit, während einer Demonstration, in 1934. Er starb später an seinen Wunden.
Jaffa, als „Meeresbraut“ bekannt, wurde zwischen April und Mai 1948 erobert. Ein großer Flüchtlingszug war schon nach Jordanien und Syrien unterwegs. Zionistische Kräfte, die zur Hagana und Irgun gehörten, legten ihre angeblichen Meinungsunterschiede beiseite, als sie sich auf Jaffa zu bewegten.
Drei verschiedene militärische Feldzüge begannen gleichzeitig – Chametz, Jevussi und Yiftach – durch die Jaffa , die Gegend rund um Jerusalem und das ganze östliche Galiläa eingenommen wurden. Aber als Jaffa fiel, war auch der Stolz Palästinas dahin.
Da die Stadt eingeschlossen war, wurden Tausende von Leuten gezwungen, übers Meer nach Gaza oder Ägypten zu fliehen. Viele ertranken, da die kleinen überfüllten Fischerboote nachgaben und sanken. Die arabische Führung hatte gehofft, die Britten würden den Zionisten nicht erlauben, Jaffa zu erobern. Sie waren schlecht vorbereitet. Auf Verteidigung von Zivilisten war man nicht eingestellt.
Die militärische Ungleichheit zwischen zionistischen Milizen (über 5000 gut ausgebildete Kämpfer) und arabischen Freiwilligen (etwa 1500) war unmöglich zu überwinden, ohne Hilfe von außen. Keine kam. Männer und Frauen starben in Scharen. Zehntausende flohen in Trecks übers Land, aber meistens übers Meer.
Der Exodus aus Jaffa im Mai 1948
Im Alter von acht entdeckte ich, dass Jaffa nicht nur Fantasie war. Viel später in meinem Leben entdeckte ich, dass Jaffa, obwohl erobert, noch stand, und zwar durch das kollektive Gedächtnis der Jaffaer überall.
Während der Terminus Nakba eine passende Beschreibung für das ist, was das palästinensische Volk 1947-1948 durchgemacht hat, ist es Sumud – Standhaftigkeit – das Millionen von Flüchtlingen an ihrem Rückkehrrecht festhalten lässt, auch 66 Jahre, nachdem das Land der Orangenbäume erobert wurde. Und es ist Sumud, das Jaffa für immer am Leben hält.