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 18/05/2013 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 ASIA & OCEANIA 
ASIA & OCEANIA / Die Gulabi Gang , die „rosafarbene Bande“: kämpfende indische Frauen
Date of publication at Tlaxcala: 08/01/2013
Original: A Flux Of Pink Indians: The Fighting Women Of The Gulabi Gang
Translations available: Français  Español 

Die Gulabi Gang , die „rosafarbene Bande“: kämpfende indische Frauen

Sanjit Das संजीत दास

Translated by  Michèle Mialane
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

 

Der Bundelkhand liegt im Norden Indiens als eine des ärmsten Gegenden der Region Uttar Pradesh, Es ist auch eines der am dichtesten bevölkerten Gebiete eines sowieso weitgehend überbevölkerten Landes. Mit einem unfruchtbaren Boden sowie korrupten Gerichten und dem archaischen indischen Unterdrückungssystem der Kasten konfrontiert, müssen die EinwohnerInnen des Bundelkhand um ihr tägliches Überleben kämpfen.

 
Kurz und gut, dort ist das Leben ein echtes Zuckerlecken. Und es ist wohl nicht erstaunlich, aber - hier sei es sofort erwähnt - in Indien werden aufgrund der häuslichen Gewalt und der Verdrängung der Frauen in eine zweitrangige Staatsbürgerbürgerschaft die Frauenrechte nicht besonders gut eingehalten. In diesem katastrophalen Zusammenhang kämpft - oft im buchstäblichen Sinne - die Gulabi („rosafarbene“) Gang, eine Selbstverteidigungsgruppe, um mehr Gleichberechtigung. Dazu sind sie im Umgang mit dem „Lathi“, einem herkömmlichen indischen Kampfstock, geübt. Ist das zu schön, um wahr zu sein? Wir waren auch dieser Meinung, bevor wir uns mit ihnen trafen. Diese tollen Frauen sind richtig hartgesotten. Sie würden nicht davor scheuen, Eure Knie mit einem Stockschlag zu brechen.
 
Die vor kaum 2 Jahren gegründete Gang wurde schon viele Male angeklagt: wegen illegaler Zusammenkunft, Aufstand, Übergriff auf einen Staatsvertreter und Behinderung der Justiz. Die Anführerin der Gulabi Gang, Sampat Pal Devi, ist eine 47jährige, charakterfeste Frau, die sich durch die Angriffe gegen ihre „Armee“ durchaus nicht den Mut nehmen lässt. Die wenig gebildete Mutter von fünf Kindern ist in ihrer Heimat zur messianischen Figur geworden.

 
Eine Gang ist nicht notwendigerweise eine kriminelle Organisation, sagt sie, sondern es kann sich bloß um ein Team handeln. Unsere Gang setzt sich für Gerechtigkeit ein. Bei Treffen bzw. Veranstaltungen außerhalb unseres Dorfes verirrten sich oft unsere Mitglieder im Menschentrubel. So beschlossen wir, alle die gleiche Kleiderfarbe zu wählen, um leichter erkennbar zu sein. Wir wollten keine irgendwie politisch oder religiös geprägte Farbe tragen. Deshalb haben wir das Rosa, die Farbe des Lebens, gewählt. Gut so. Das lenkt die Aufmerksamkeit der Regierung auf uns.

 
Das Kastensystem schwebt über Indien wie eine schwarze Wolke. Nicht nur sind die meisten Gangmitglieder ärmlicher Abstammung, sondern sie gehören auch zur niedrigsten Kaste, den „Dalits“ - den Unberührbaren. Einige Monate früher wurde im Uttar Pradesh ein Dalit-Mädchen von einem Mann aus einer höheren Kaste vergewaltigt. Die Polizei hat sich nicht dazu bequemen wollen, die Klage zu registrieren. Als die Dorfbewohner protestierten, wurden sie verhaftet und unter Polizeigewahrsam gestellt. Unter der Führung von Sampat Devi hat die Gulabi Gang das Polizeirevier angestürmt und die Freilassung der Dorfbewohner sowie die Registrierung der Anklage gegen den Vergewaltiger gefordert. Einen Polizisten, der sich verweigerte, ihrer Forderung Genüge zu tun, haben sie überfallen. Derzeit läuft die Untersuchung noch.  
 
Im letzten Juni haben die Gulabis ihren größten Sieg davongetragen. Nachdem sie Klagen erhalten hatten gegen einen in Attara gelegenen staatlichen Billigladen (entspricht den US-amerikanischen Welfare-shops), der das Getreide unfair verteilte, haben Sampat Devi und die Gulabi Gang beschlossen, die Machenschaften des Geschäftsleiters unauffällig zu überwachen. Die Gang hat zwei Laster voller Getreide aufgehalten, welche ursprünglich für unterhalb der Armutsgrenze lebende Leute bestimmt wurden, und sich doch auf dem Weg zum Markt befanden. An Hand dieses Beweises haben die Mitglieder der Gang Druck auf die lokalen Behörden ausgeübt, und verlangt, dass sie das Getreide beschlagnahmen und den Leiter des Ladens der Polizei übergeben. Aber diesmal noch wurde die Anklage nicht registriert. Da haben die Gangmitglieder eine Wut gekriegt und einen der Polizisten überfallen. Es wurde jedoch keine offizielle Klage eingereicht, aber dadurch wurde in der Region die Glaubwürdigkeit der Gang erheblich gestärkt.

 
Viele Mitglieder der lokalen Gemeinschaft vergleichen Sampat Devi mit Laxmibai, der legendären Königin von Jhansi. Ihre Dankbarkeit drücken sie aus, indem sie die Gang unterstützen. Babloo Moshra stellt der Gang seine Wohnung als Bürozimmer zur Verfügung. „Diese Frauen sind bereit, für jede gerechte Sache zu kämpfen“, erklärt er. „Ihnen geht es nicht einzig und allein um das Interesse ihrer Gang.“
 
Selbst wenn sie von Leuten wie Mishra Hilfe kriegt, braucht die Gang finanzielle Mittel um eine Kleinindustrie ins Leben zu rufen, die Arbeitsplätze für die Dorfbewohner schaffen wird. Sampat Devi träumt davon, ein Bekleidungsunternehmen zu eröffnen, um den Frauen aus der Region eine Arbeit zu verschaffen, aber der Verwirklichung dieses Traums steht die mangelnde Finanzierung stark im Wege. In der Gegend bleibt noch viel zu tun, und Bürger wie Sampat Devi tragen dazu bei, Neues in Gang zu bringen. Zwar werden oft wegen illegaler Aktionen Anklagen gegen die Gang erhoben, aber für Sampat Devi und ihre Genossinnen geht es nicht darum, das Gesetz zu umgehen, sondern Widerstand zu leisten und ihre Rechte zu verteidigen.
 
Sampat Pal Devi, 47
 
Ich bin die Anführerin der Gulabi Gang. Die Gruppe hatte ich schon in den Neunzigern ins leben gerufen, aber so hab ich sie erst vor zwei Jahren genannt. Wir wollen den Frauen mehr Macht geben, die Erziehung der Jugendlichen- vor allem der Mädchen - fördern, und der Korruption sowie der häuslichen Gewalt Einhalt gebieten. Jeden Tag besuche ich die verschiedenen Mitglieder unserer Gang in ihren Dörfern. Wenn wir von etwas erfahren, was wir nicht zulassen können, treffen wir zusammen und planen eine Handlung. Zuerst gehen wir zur Polizei. Aber in unserem Land steht die Regierung nie auf der Seite der Armen, so dass wir schließlich häufig die Dinge selber in die Hand nehmen. Zuerst versuchen wir, uns mit dem Ehemann zu besprechen, der seine Frau schlägt. Geht er er nicht auf uns ein, so bitten wir sie, ihn mit uns zusammen mit dem Lathi zu schlagen. Bei häuslichen Problemen ernten wir hundertprozentigen Erfolg. Schwieriger ist aber, mit den Behörden zu verhandeln, weil es nicht immer möglich ist, auf das Gesetz zurückzugreifen vor allem wegen der bei Gesetzgebern vorherrschenden Korruption. Wir haben bestechliche Repräsentanten geschlagen aber das hat nichts genutzt. Ich werde von ihren Schergen andauernd bedroht. Einmal sind mehrere gekommen und haben mich mit dem Tod bedroht, aber die Frauen sind mir zu Hilfe gekommen, sie haben sie mit Backsteinen beworfen und sie haben die Flucht ergriffen und sind nie wieder gekommen. Ich hab keine Angst, vor keinem Menschen. Die Frauen unserer Gruppe stehen zu mir und sind meine Kraft. Von meiner Familie hab ich nicht immer Unterstützung erhalten, aber als ich dabei beharrt und meinem Mann meine Haltung erklärt habe, hat er verstanden, was ich wollte. Und seitdem steht er zu mir. Was ich tue, ist nicht leicht. ich hab kein Geld. ich fahre überallhin mit einem alten Rad. Einige Menschen helfen uns, sie geben uns etwas Geld oder zeigen sich hilfsbereit. Unsere Bewegung muss weiter bestehen. Wir müssen von internationalen oder lokalen Organisationen eine Hilfe erhalten. Ich arbeite für das Volk. Ich möchte eine Kleinindustrie ins Leben rufen, für bedürftige DorfbewohnerInnen, die hinter mir stehen. Es gibt talentvolle junge Mädchen und Männer, die Nesseldünger, Kerzen, ayurvedische Heilmittel herstellen und Gurken anbauen können. Sie könnten anständig leben. Wenn ich hinreichende Gelder erhalte, kann ich für die Frauen eine Nähwerkstatt ins Leben rufen, dank welcher sie ihre Familie versorgen können. Die Gulabi Gang hat eine große Zukunft vor sich. Es ist eine Basisbewegung, die stärker werden kann, wenn die lokalen Behörden sie fördern wollen.
 
Banhari Devi, 42
 
Ich hab keine Arbeit, kein Geld, und ich zähle auf meinen Sohn, um am Abend etwas zu essen, um zumindest einmal am Tag essen zu können. Sampat Devi ist mir zu Hilfe gekommen. Sie ist wie der Messias, sie kümmert sich immer um die Armen. Sie hat sich sehr um eine Rote Karte (eine Karte zum Beweis, dass jemand unterhalb der Armutsgrenze lebt) für mich bemüht, und hat es auch geschafft. Meine Familie ist sehr arm, und mit der Karte darf ich in den staatlichen Versorgungszentren für Lebensmittel Reis und Korn zu Billigpreisen kaufen. Ich bin der Gang vor einem halben Jahr beigetreten und seitdem hab ich Selbstvertrauen gewonnen und fühle mich viel stärker. Einige Male habe ich bei einer Aktion des Gangs mitgemacht und die Regierung hat uns angedroht. Durch die Angehörigkeit zu einer Gruppe gewinnen wir aber soviel Selbstvertrauen, dass wir bereit sind, gegen die Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Als ich der Gang beigetreten bin hat mir Sampat Devi die Zielsetzungen der Gruppe vorgelegt. Wir haben gelernt, wie man sich mit dem Lathi schlägt. Grundsätzlich handelt es sich dabei um eine Verteidigungstechnik. Wir sind keine gewalttätige Gruppe, aber wenn man uns herausfordert, können wir zur Gewalt greifen. Wir ziehen zwar gewaltfreie Methoden vor, wenn sie aber erfolglos bleiben, greifen wir zu unseren Lathis. Durch die Gang ist mein Leben ein anderes geworden. Ich will dort bis zu meinem Lebensende verbleiben.
 
Kamat Devi, 48
 
Nun gehöre ich seit 2 Jahren zur Gang. Ich hab praktisch bei allen letzten Kampagnen mitgemacht. Innerhalb der Gruppe hab ich eigentlich keine klar definierte Rolle, aber am Ende kümmere ich mich immer um die Beilegung von nachbarlichen oder Familienzwisten. Hören wir von einem Streit in der Nachbarschaft, treffen wir mit Sampat Devi zusammen, und bemühen uns darum, dass die Menschen sich in Gutem einigen. Es ist nicht immer sehr einfach, aber die Leute haben Respekt vor der Gulabi Gang, weil wir uns immer neutral verhalten. Zur Gewalt greife ich nur sehr ungern. Nicht zum Angriff, sondern um mich zu wehren, hab ich gelernt, mit dem Lathi umzugehn. Die anderen haben Achtung vor meiner Stellung und ich kann handeln, so wie ich will, solange ich meine Mission erfolgreich erfülle. Mein Mann besitzt ein kleines Stück Land und ich helf ihm beim Ackerbau. Der Boden ist nicht fruchtbar genug und mein Mann muss öfter in die Stadt gehen, eine Tagesarbeit zu suchen, aber er findet nicht immer eine. Nun habe ich die Rote Karte doch erhalten und kann zumindest Reis und Korn verbilligt kaufen. Ich frage mich oft, was aus uns geworden wäre, wenn ich kein Mitglied der Gulabis wäre.
 
Aarti Devi, 22
 
Mein Vater Chnaddra Bhan ist ein gebildeter Mensch. Wenn er auch ein Dalit ist, hat er auf der Uni zwei Master geschafft. Er hat um die Rechte und die Würde der hiesigen Dorfbewohner immer kämpfen müssen. Vor 6 Monaten hat ein Mann aus einer höheren Kaste ein Dalit-Mädchen vergewaltigt. Die Polizei hat sich geweigert, die Anklage zu registrieren. Als mein Vater protestierte, hat man ihn unter Polizeigewahrsam gesetzt. Ich bin zu Sampat Devi gegangen und hab sie um Hilfe gebeten. Am selben Tag bin ich der Gang beigetreten. Unter Sampats Führung haben wir das Revier gestürmt und verlangt, dass mein Vater und die anderen Dorfbewohner freigelassen werden. Die Polizei hat sich aber weiter verweigert, die Anklage zu registrieren. Schließlich haben wir einen Polizisten mit unseren Lathis verprügelt. Vor der Ungerechtigkeit will ich nicht die Segel streichen. Mein Vater inspiriert mich sehr stark, er war sehr stolz, als er sah, wie  ich in einem rosafarbenen Sari gekleidet demonstrierte und Parolen ausrief, zusammen mit den anderen Gulabis. Sampar Devi hat mich im Umgang mit dem Lathi trainiert. Sie hat ganz besonders betont, dass es sich dabei um keine Angriffs-, sondern um eine Verteidigungswaffe handelt. Oft bin ich von den Muskelprotzen der Regierung und der Verwaltung angedroht worden, man hat sogar eine Pistole auf mich gerichtet. Aber ich hab keine Angst vor ihnen. Dass ich zur Gang gehöre, gibt mir Selbstvertrauen und -sicherheit. Bei unseren meisten Aktionen geht es uns vor allem um die Frauenrechte, die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Förderung der Bildung, das alles, damit es den Armen und Hilfsbedürftigen besser geht. Wir sind die Zukunft der Gulabi Gang. Wir sind auf alles bereit, damit denen Gleichberechtigung und Gerechtigkeit widerfährt, die es bisher vermisst haben.

 

Besuchen Sie die Webseite der Gulabi Gang!

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://www.vice.com/read/flux-pink-indians-v15n2
Publication date of original article: 02/02/2008
URL of this page: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=8959

 

Tags: FrauenGulabi GangRosafarbene BandeBundelkhandUttar PradeshIndienAsienSelbstverteidigungFrauenrechteDalitsKasten
 

 
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