Sein Leben lang ist er Marxist gewesen. Der Mann, dessen Arbeiten ganze Generationen von Historikern und Politikern geprägt haben, ist nach einer langen Krankheit dahingeschieden.
Eric Hobsbawm zu Hause in London: sein lebenslängliches Engagement als marxistischer Historiker machte ihn zur kontroversen Persönlichkeit [was selbstverständlich nicht der Fall gewesen wäre, wenn er konservativ oder liberal gewesen wäre, AdÜ]. Foto: Anne Katrin Purkiss / Rex Features
Letzten Montag verkündete seine Familie den Tod von Eric Hobsbawm, einem der großen Historiker des 20. Jahrhunderts.
Der lebenslängliche Marxist Eric Hobsbawm, dessen Arbeiten ganze Generationen von Historikern und Politikern geprägt haben, ist Montag in den frühen Morgenstunden nach einer langen Krankheit im Londoner Royal Free Hospital dahingeschieden - verkündete seine Tochter Julia. Er war 95 Jahre alt.
Hobsbawms vierbändige Geschichte des 19. uns 20. Jahrhunderts, die die Zeitspanne zwischen der Französischen Revolution und dem Fall der UdSSR umfasst, wird als eines der grundlegendsten Arbeiten über diese Periode anerkannt.
Sein Kollege, der Historiker Niall Ferguson, hat dieses Quartett, das mit „Revolte und Revolution“ beginnt und mit dem „Zeitalter der Extreme“ endet, als „ meines Wissens nach der beste Ausgangspunkt für jeden Menschen, der sich vornimmt, sich mit der modernen Geschichte zu befassen“ bezeichnet.
In den Neunzigern erhielt Hobsbawm den Spitznamen „Guru von Neil Kinnock“, nachdem er der Labour-Partei vorgehalten hatte, mit dem sozialen Wandel nicht Schritt gehalten zu haben und bei der Entstehung der New Labour eine maßgebliche Rolle gespielt haben sollte. Später sollte er aber seine Enttäuschung über Tony Blairs Regierung ausdrücken.
In den Augen von Ed Miliband, dem Führer der Labour, ist Hobsbawm „ein bahnbrechenderHistoriker, seiner Politik leidenschaftlich ergeben, und ein enger Freund meiner Familie“.
Weiter behauptet er: „Seine historischen Arbeitenhaben Hunderttausenden Menschen Jahrhunderte britischer Geschichte beigebracht; die Geschichte hat er aus dem Elfenbeinturm befreit und sie in das Leben der Menschen hineingebracht.“
Dabei war er nicht nur Akademiker, sondern ihm lag die vom Lande eingeschlagene politische Richtung sehr am Herzen.
Nämlich erkannte er als einer der Ersten, vor welchen Herausforderungen die Labour durch den in den Siebzigern und Achtzigern eingetretene gesellschaftliche Wandel gestellt worden war.
Er war außerdem ein charmanter Mensch, mit dem ich höchst anspruchsvolle und anregende Gespräche über Politik und Welt geführt habe. Seine Frau Marlene, seine Kinder und seine ganze Familie halte ich in meinen Gedanken fest.“
Hobsbawms lebenslängliches Engagement für die marxistischen Grundsätze - insbesondere seine Mitgliedschaft in der Britischen kommunistischen Partei, auch nachdem die Sowjetunion 1956 Ungarn überfallen hatte - machte ihn jedoch zu einer kontroversen Persönlichkeit.
Jahre später erklärte er, dass er „ nie versucht hatte die Gräuel zu bagatellisieren, die sich in Russland ereignet hatten“, dafür aber in den ersten Tagen des kommunistischen Vorhabens geglaubt habe, dass „eine neue Welt entstanden sei in Blut, Tränen und Schrecken: Revolution, Bürgerkrieg, Hungersnot. Wegen dem Zusammenbruch des Westens haben wir uns selber vorgetäuscht, dass dieses, zwar brutale Experiment doch ein besseres System als der Westen sei. Dies oder nichts“
Hobsbawm entstammte einer jüdischen Familie und wurde 1917 in der ägyptischen Stadt Alexandria geboren. Er wuchs in Wien und Berlin auf, bevor seine Familie sich 1933 nach Hitlers Machtergreifung in London niederließ. Er studierte im Gymnasium Marylebone und am Cambridger King’s College. Dann wurde er 1947 Dozent an der Birckbeck- Universität. Damit begann ein langer gemeinsamer Weg, bis er schließlich Präsident der Universität wurde.
Hobsbawm hinterlässt seine Ehefrau Marlene, seine Tochter Julia und seine Söhne Andy et Joss sowie sieben Enkelkinder und ein Urenkelkind.