Tausende zorniger Moslems haben vor den ägyptischen und libyschen US-Konsulaten und Botschaften gegen einen seit kurzem [wenn man so sagen darf: der Film wurde schon im vorigen Juli online gesetzt, AdÜ] laufenden Film, der den Propheten des Islams absichtlich beschimpft und ein Zerrbild seines Lebens vermittelt hatte, protestiert. Die Proteste erstreckten sich rasch auf Jemen, Tunesien, Sudan, Marokko, die palästinensischen Gebiete, den Irak, Bangladesh, Pakistan, den Iran und andere Länder noch. Anscheinend haben Angehörige von Al-Qaida das Chaos vor dem Konsulat in Bengasi ausgenutzt, um die Demonstranten zu unterwandern und dann das Konsulatgebäude mit Brandbomben zu bewerfen. Klar können solche Taten nicht auch nur im Mindesten gerechtfertigt werden.
Leider sind mehrere unschuldige Beamte, darunter der US-Botschafter in Libyen, bei den darauf folgenden unsinnigen Gewalttätigkeiten umgekommen. Laut Experten wäre diese brutale Attacke eine Antwort auf den Aufruf des Chefs von Al-Qaida zur Rache seines Vize, der im letzten Juni von einem US- amerikanischen Drohnen getötet worden war.
Jedoch ist die Welt solcher immer wieder auftretenden Brandszenen überdrüssig, von den 1989 erschienenen Satanischen Versen von Salman Rushdie und den dänischen Karikaturen von 2005 bis hin zum bekloppten Pfarrer, der 2010 in Florida einen Koran verbrannte und nun vor paar Tagen zur Aufführung dieses höchst schockierenden Films bereit erklärt hat. Nach den glaubwürdigsten Auskünften wurde dieser ekelhafte Film geschrieben, finanziert und gedreht von dem 55jährigen US-amerikanisch-ägyptischen koptischen Anti-Moslem-Extremisten und Verbrecher Nakoula (er wurde wegen Bankbetrug in Kalifornien zu 21 Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 790 000 $ verurteilt). Laut Presseberichten wurde der Film voriges Jahr mit kleinem Geld gedreht, mit 60 SchauspielerInnen, die neulich öffentlich erklärt haben, dass ihnen nie mitgeteilt worden sei, dass es sich im Film um den Propheten Muhammad handle. Außerdem behaupteten sie, dass die meisten beleidigenden Dialoge ohne ihr Wissen nach den Dreharbeiten hinzugefügt worden seien. Der Film wurde im letzten Juni in einem Hollywooder Kinosaal abgespielt, machte einen Flop und blieb total unbemerkt. Dann kontaktierte der Filmproduzent den 70jährigen Morris Sadek, einen anderen US-amerikanisch-ägyptischen koptischen Extremisten, der jahrzehntelang in den USA eine Kampagne gegen die Moslems geführt hat. Nakoula bat ihn, die Finanzierung und Vertreibung des Filmes zu unterstützen.
Laut Associated Press hat Sadek dann seinen Freund Terry Jones kontaktiert, den Pfarrer aus Florida, der sich durch seine Aufrufe zur Verbrennung des Korans berüchtigt gemacht hatte. Obwohl Jones auf seiner Webseite Werbung für den Film machte und verkündete, dass er ihn am Jahrestag des 11. September abspielen und ein Scheingericht über den Propheten Muhammad halten würde, lenkte er mit seinen Annoncen sehr wenig Aufmerksamkeit von Seiten der Medien und der Öffentlichkeit. Anfang September hatten sich nicht mal 50 Personen den 14-Minuten-Filmtrailer auf YouTube angesehen.
Da begann Sadek, der über eine erhebliche Liste von E-Post-Adressen verfügt, darunter viele von ägyptischen Medien und Journalisten, Reklame für die arabische Fassung des Trailers auf seinen zahlreichen Webseiten sowie auf Facebook zu machen. Seine Bemühungen erweckten das Interesse einiger ägyptischer Journalisten, die dann zu Hause für eine eingehende Mediendeckung der Sache sorgten. Ein paar Tage später hat der pro-salafistische und konservative Satellitensender Al-Naas zu einer Demo am 11. September vor der US-Botschaft in Kairo appelliert. Als sie das hörten, haben ähnliche Gruppen in Libyen dazu aufgerufen, am selben Tag in Bengasi massiv zu demonstrieren. Inzwischen hat Al Azhar, die Hochburg der sunnitischen religiösen Obrigkeit, den Film zwar verurteilt, jedoch zu einer maßvollen und beherrschten Antwort geraten.
Interessant ist, dass die Moslembrüder, in Ägypten und Libyen die größte islamische Bewegung, in beiden Ländern kein Zeichen von sich gab. Dafür veröffentlichte die Bewegung am folgenden Tag einen Aufruf zu einem friedlichen Millionenmarsch am 14.September, worauf Theologen und religiöse Gruppen in der islamischen Welt strenge Verurteilungen aussprachen und zu neuen friedlichen Demonstrationen aufriefen. Die koptische Kirche in Kairo sowie koptische führende Persönlichkeiten und Organisationen aus Ägypten und den USA haben den Film ausdrücklich verurteilt und ernste Befürchtungen hinsichtlich seiner Auswirkungen über die christlich-islamischen Beziehungen erhoben. In der Hoffnung, den Brand noch stärker zu schüren, hat Nakoula, der Produzent des schimpflichen Filmes, in zwei separaten Gesprächen die Washington Post und den Wall Street Journal hinters Licht geführt. Dazu hat er ihnen vorgetäuscht, ein US-amerikanisch-israelischer Jude zu sein, der „jüdisches Geld“ [sic! AdÜ] gesammelt habe, um seinen Film zu finanzieren. Aber das Ziel, das er sich gesetzt - die Gefühle der Moslems zu kränken - war schon erreicht. Da sie diesen Kontext nicht gut kennen und verstehen, ließen sich die moslemischen Gruppen, Theologen und deren Jünger leicht in das Disput mitreißen und beschuldigten die US-Regierung, die brutalen Angriffe gegen ihre religiösen Symbole zu befürworten, insbesondere auf Grund der im Lande weit verbreiteten Moslemfeindlichkeit und der moslemfeindlichen Maßnahmen, die in den letzten zehn Jahren gefördert und dann von der Regierung auch verabschiedet wurden.

"Redefreiheit...unter Bedingungen"
Allerdings müssen die moslemischen Beamten, führende Geistliche und Meinungsträger die Natur und die Grenzen der abendländischen laizistischen Gesellschaften und ihrer demokratischen Traditionen verstehen. Doch kann man in Ermangelung jedes ernstzunehmenden Dialogs zwischen den US-Politikern und Meinungsträgern einerseits und andererseits den islamischen Geistlichen und Aktivisten sowie die historischen Altlasten der US-amerikanischen moslemfeindlichen Politik der letzten zehn Jahre höchst schwerlich nahe legen, dass die US-Regierung nicht nur nichts zu tun hat mit der Drehung und Vertreibung dieses Filmes, sondern auch, dass solche Zwischenfälle im Widerspruch mit ihren Prinzipien und Interessen stehen.
Das Misstrauen und die Missverständnisse zwischen beiden Teilen lassen sich hauptsächlich durch zwei Gründe erklären. Erstens werden von den USA weder die US-amerikanische moslemische Gemeinschaft noch die islamischen Bewegungen weltweit politisch und kulturell wirklich miteinbezogen. Ganz im Gegenteil verhandeln sie mit ihnen, insbesondere auf nationaler Ebene, aus dem engen Blickwinkel der Sicherheitsfragen. Insofern wurde in vielen Fällen die US-amerikanische moslemische Gemeinschaft von den Politkern bzw. Institutionen der Zivilgesellschaft ignoriert.
Zweitens üben inzwischen viele Moslemfeinde eine solche Kontrolle über den öffentlichen Raum und die Medien, dass Ernennung oder Miteinbeziehung jeder moslemischen Persönlichkeit in die Regierungs- bzw. Staatsinstitutionen zum echten Kampf geworden ist, manchmal mit kostspieligen Folgen. So wird die Republikanische Partei prinzipiell mit den Moslemhassern bzw. -killern assoziiert, wobei die Miteinbeziehung der Moslems bei der Demokratischen Partei ein frommer Wunsch geblieben ist, aus Angst, die Rechte könne sie als Förderer von „Terroristen“ anprangern. Inzwischen bleibt die US-amerikanische moslemische Gemeinschaft nach wie vor veräußert und der plumpe Stereotyp eines islamfeindlichen Amerikas wird weltweit im Geist und Herzen der Moslems verankert.
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Moslems für Redefreiheit
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So sind die US-amerikanischen Moslems eine verplemperte Trumpfkarte. Vermutlich wissen sie besser als die meisten den Wert der Redefreiheit und des ersten Zusatzartikels zu verstehen und zu schätzen und könnten eine entscheidende Rolle spielen als Brücke zwischen den USA und dem Rest der Welt, wenn sie sich nur in den politischen Diskurs wirklich miteinbezogen und respektvoll behandelt fühlten. Nach jedem Zwischenfall behaupten ja viele US-Beamten und Experten, dass die „irrationale“ Reaktion Tausender Moslems weltweit die Intoleranz ihrer Religion gegenüber Redefreiheit „verrät“. Ihr Hauptargument war seit jeher die Unverträglichkeit des Islams mit den demokratischen Werten, da die Glaubens- und Redefreiheit ja den harten Kern dieser Werte bilden. Ihr Ziel ist selbstverständlich die These des „Kampfes der Kulturen“ zu akkreditieren und die Moslems in einer Position der fortwährenden Kollision mit dem Abendland erstarren zu lassen.
Seit Ende des Kalten Krieges wurde, wenn auch anfangs wenig erfolgreich, eine unaufhörliche Kampagne zur Ersetzung der Kommunisten durch den Islam geführt. Leider haben die 11.9.- Anschläge den Verfechtern der Kampftheorie eine Rechtfertigung und einen günstigen Kontext geliefert und einen Impuls gegeben, so dass sie seither einen beträchtlichen Einfluss auf viele Regierungsagenturen und hohe Beamten ausüben konnten und jene politische Maßnahmen, Strategien und Taktiken angenommen haben, die diese Weltanschauung propagierten. Als Folge dieser Politik wurden in den USA und weltweit alle moslemischen Organisationen und Aktivisten (und sogar in vielen Fällen ganz gewöhnliche Menschen) ins Visier genommen und als potentielle Drohungen, Verdächtige und Staatsfeinde behandelt, bis sich das Gegenteil nachweislich herausstellte.
Zweifelsohne sind die Moslems in der ganzen Welt äußerst empfindlich für absichtlich schimpfliche und beleidigende Darstellungen des Propheten und des Heiligen Buches des Islam. Nichtsdestoweniger wurden in den vergangenen Jahrhunderten Hunderte Bücher, Artikel, Reden und sonstige Dokumente dargeboten, die die islamische Religion und deren Gründer und heiliges Buch hart kritisiert und attackiert haben, ohne Zorn, Angst oder Gewalt auszulösen. Beim ersten Blick sind es nicht diese Verunglimpfungen, die so tadelnswert klingen. Die meisten moslemischen Geistlichen sind gewillt, einen Dialog bzw. eine gesittete Debatte über die Gültigkeit der großen Glauben, Dogmen, Islaminterpretationen oder historischen Fakten aufzunehmen. Was aber bei den Zwischenfällen in den letzten zwei Jahrzehnten einen Unterschied machte, ist die Art dieser Angriffe. Es ging dabei um absichtliche Versuche, das Leben und die Geschichte der Hauptfigur des Islams zu fälschen, indem sein Lebenslauf auf verzerrte Weise und er selber höchst verunglimpfend dargestellt wurde: als irrationeller Lügner und Feigling, verrückter Schmutzfink, Killer, Dieb, Sklavenhändler, Schürzenjäger, Kinderschänder, sexuell abweichender Mensch, wobei seine Frauen als Nichtswisserinnen, Huren oder Sexualsklavinnen geschildert wurden. Es fällt einem sehr schwer, diesen Kreationenetwas Positives zu entnehmen. Aber lassen Sie sich nicht täuschen: so war es auch nicht gedacht. Ziel war es einzig und allein, die Moslems anzuspornen und sie zur Gegenwehr zu treiben, wohlwissend, dass sehr viele unter ihnen zornig werden und heftig, ja sogar gewalttätig reagieren werden.
Warum aber geraten allem Anschein nach die meisten Moslems so leicht in Zorn, sobald ihre religiösen Symbole auf skandalöse Weise angegriffen werden?
Für die abendländischen laizistischen Gesellschaften ist der höchste Wert Erhaltung und Schutz des Menschenlebens, und dieser Lehre geben sie den Vorrang über alle anderen Lebensaspekte. Dafür ist in der islamischen Gesellschaft das Menschenleben zwar heilig, aber die Erhaltung seines Glaubenssystems, in erster Linie der Ehre des Propheten und des heiligen Textes, geht vor. Mit anderen Worten: die meisten Moslems glauben, dass absichtliche Gewaltanwendung und Verleumdung gegen den Propheten oder das Heilige Buch die schlimmste Form von Menschenrechtsverletzung ist. Nichtsdestoweniger befürworten noch rechtfertigen die authentischsten religiösen islamischen Obrigkeiten irgendwelche Gewalttat bei Äußerung eines solchen legitimen Zorns oder Empörung. Klar liegt, dass die Menschen zur Erhaltung des Friedens und Einklangs zwischen Gemeinschaften und Kulturen in einer multikulturellen Welt das Wertsystem anderer Kulturen verstehen und achten müssen, auch wenn sie es nicht akzeptieren können, solange jenes nicht in direkten Widerspruch mit den eigenen grundlegendsten Prinzipien und Werten gerät.
Wenn unter solchen Umständen einer das Wertsystem des Anderen wohl kennt und weiß, welch heißes Eisen eine Empörungswelle auslösen kann, sollten solche absichtliche Handlungen als das bezeichnet werden, was sie in Wirklichkeit sind: die schlimmste Form der Anstiftung zu Hass und Gewalt.
Wie können aber die USA die Kunst- und Redefreiheit, wenn jene die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört, mit der Beachtung ihres teuersten Prinzips unter einen Hut bringen?
Nun wird das US-Verfassungsgesetz als Schutz der Redefreiheit durch den ersten Zusatzartikel u.a. durch die Lehre der „Anstiftung zu Gewalt“ oder „Brandstiftende Äußerungen“(„fighting words“). Im Jahre 1942 fällte nämlich das Oberste Gericht einstimmig ein berühmtes Urteil, laut welchem als „ brandstiftende oder schimpfliche Äußerungen jene gelten, deren Wortlaut an sich Verletzungen antut oder dazu tendiert, unmittelbar den Frieden zu brechen.“ Durch Anwendung eines solchen Prinzips kann ein Gleichgewicht leicht hergestellt werden zwischen der unantastbaren Redefreiheit und den beschränkten Ausnahmefällen, wo solche Reden eine massive Verletzung antun, die zur Zerstörung vom Einklang und Frieden zwischen Gemeinschaften, Kulturen und Ländern führen kann.
Was ist aber mit der abendländischen Redefreiheitpraxis?
Die abendländischen Regierungen und Zivilgesellschaftsorganisationen behaupten, dass Rede- und Vereinigungsfreiheit der Eckstein für die Erhaltung ihres demokratischen Charakters sind. Jedes Mal, wenn einer absichtlich versucht, die Empfindlichkeit der Moslems hinsichtlich ihres Propheten und ihres Heiligen Buches zu reizen, beruft man sich auf die Redefreiheit, um die Ursache des Tumults zu verteidigen und deren Auswirkungen als „irrationelle Reaktion“ zurückzuweisen. Trotzdem ist Gewalt seitens der Muslime keine annehmbare Antwort auf eine auch noch so böswillig gemeinte und furchtbare Attacke.
Aber fundamentaler noch: glaubt das Abendland wirklich an Redefreiheit oder wendet es nicht eher das Zweierlei Maß-System an, sobald es um moslemische Empfindlichkeit geht? Schauen wir mal nach. Als im Privatsektor Google ersucht wurde, den höchst brandstiftenden Videofilm von YouTube zu nehmen, hat sich das Unternehmen sofort und korrekterweise auf seine schon lange bestehende Politik einer Unterstützung der Redefreiheit, auch wenn es um einen Diskurs geht, den es missbilligt, berufen (und dessen Verbreitung in Ägypten und Libyen es jedoch widerwillig unterbrochen hat). Wie es aber im Jewish Press vom 1. August berichtet wurde, hat Google ohne weiteres 1710 Videofilme weggenommen und die dazugehörigen Konten geschlossen, weil „viele dieser Filme mit der Holocaustleugnung und der Verteidigung von deren Leugnern zu tun hatten.“ Laut dieser Zeitung hat Google das Konto des Benutzers geschlossen binnen 24 Stunden nach Eintreffen der Klage einer Gruppe aus Australien, die den Antisemitismus überwacht.
Im Juli 2011 haben die israelischen Behörden Facebook gezwungen, viele Konten von pro-palästinensichen Aktivisten zu schließen. Israel hatte sich beklagt, dass jene Aktivisten dabei waren, ihre Reisepläne nach Israel zu koordinieren, um dort Unruhen zu stiften. In Wirklichkeit versuchten sie nur, eine energische Erklärung online zu verbreiten. Selbstverständlich wäre es für Israel ein Leichtes gewesen, die Visen dieser Aktivisten zurückzunehmen, oder jene ins Land nicht hereinzulassen, falls sie die Reise doch unternommen hätten. Die Aktivisten hatten ja keineswegs zu Gewalt aufgerufen, was die Schließung ihrer Konten hätte rechtfertigen können.
Vielleicht wissen die Leute in den USA nicht Bescheid über solche Fälle, wo gehässige oder missliebige Reden zensiert wurden, aber in der islamischen Welt sind viele auf dem Laufenden und wissen von solchen Eingriffen, die im Widerspruch zu den proklamierten Prinzipien stehen. Sie werden sich vermutlich fragen: wenn auf Bitte von Ausländern, wie z.B. Israels Oberstaatsanwalt oder eine australische Überwachungsgruppe, Facebook oder Google Videofilme wegnehmen oder Konten schließen können, wie kann man behaupten, dass der Präsident der USA oder ein Staatssekretär keine solche Ansuchen stellen kann? Auch erinnern sie an den kraftvollen Eingriff der Staatssekretärin Clinton, als sie 2009 bei Google und Facebook ihr ganzes Gewicht in die Waagschale legte, zu Gunsten der Aktivisten der iranischen „ grünen Bewegung“. Das soll kein Argument liefern zur Wegnahme von Filmen oder Schließung von Konten, sondern zur Anprangerung der Heuchelei und des „Zweierlei-Maß-Systems“, die bei Beamten und Unternehmensgruppen hinsichtlich der Besorgnissen der Moslems üblich ist.
Dazu noch wurden in den letzten drei Jahrzehnten in vielen europäischen Ländern Gesetze verabschiedet, die jede Äußerung oder Schrift kriminalisieren, welche die offizielle Version des Holocausts in Frage stellt. 1995 erschien das Buch des französischen Philosophen Roger Garaudy, Les mythes fondateurs de la politique israélienne (Die grundlegenden Mythen der israelischen Politik). Da wurde er der Leugnung des Holocausts beschuldigt und folglich erhob die französische Regierung eine Klage gegen ihn und kurz darauf wurde jede Neuauflage des Buches verboten. 1998 wurde Garaudy für schuldig erklärt und zu mehreren Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 240 000 Francs verurteilt. 2005 wurde der englische Schriftsteller David Irving in Österreich aufgrund eines 1989 wegen der Holocaustleugnung gegen ihn erlassenes Haftbefehls verhaftet . Er wurde schuldig erklärt, „ den Holocaust banalisiert, grob bagatellisiert und geleugnet zu haben“ und zu 3 Jahren Haft verurteilt. Außerdem wurde im Dezember 2011 der britische Moslem Ahmed Faraz in London zu 3 Jahren Haft verurteilt, nachdem er „ der Verbreitung von mehreren Büchern, die als terroristische Publikationen gelten“ schuldig erklärt worden war. Die Publikation, die Faraz schuldig war, in seiner Buchhandlung anzubieten, war das 1964 erschienene Buch Milestones [Ma'alim fi tarîq ,Meilensteine'], vom seligen ägyptischen Schriftsteller Sayyid Qutb.

Der 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten (Englisch First Amendment) ist Bestandteil des als Bill of Rights bezeichneten Grundrechtekatalogs der Verfassung der Vereinigten Staaten. Der 1791 verabschiedete Artikel lautet: „Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung um die Beseitigung von Missständen zu ersuchen.“[Tlaxcala]
Die jüngste Bilanz der US-Regierung ist aber viel alarmierender. Tatsächlich wurden seit dem 11.9. drakonische Urteile gefällt wegen Aktivitäten, die herkömmlich als durch den ersten Zusatzartikel geschützt galten.
Im Jahre 2004 wurden zwei Betreiber von Satellitensendern, der seit über 25 Jahren in New-York seßhafte Javed Iqbal und Saleh Elahwal von den Staatsanwälten beschuldigt, „eine ausländische Terrororganisation materiell zu unterstützen“, weil sie für US-Kunden Sendungen von Al Manar, dem Satellitensender der Hisbollah, ausstrahlten. Auch hat der FBI Wohnung und Betriebsräume von Iqbal durchsucht, weil er „verdächtig war, Tellerantennen zu besitzen“. Iqbal wurde 2008 für schuldig erklärt und zu 69 Monaten haft verurteilt.
Nach dem 11.9. wurden gerichtliche Verfahren gegen Moslems eingeleitet und sehr viele wurden für schuldig erklärt und zu Strafen bis hin zu lebenslänglicher Haft verurteilt, weil sie politische Meinungen geäußert, Fatwas ausgesprochen (d.h. religiöse Meinungen verkündet), Kinder ernährt, Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt, Texte übersetzt, Videofilme auf Webseiten heruntergeladen oder in einer Musikgruppe mitgesungen. Bei einem Fall, in welchem der in den USA geborene Tarek Mehanna involviert war, hat Andrew F. Mars, Professor auf der Universität Yale im New York Times geschrieben: “ Als Fachpolitologe für islamisches Recht und Krieg, habe ich oft Texte und Videofilme von Jihad-Gruppen gelesen, gespeichert, weitergeleitet und übersetzt. Als Philosoph der Politik debattiere ich über das ethische Problem der Tötung. Als Bürger liegt es mir sehr, Ansichten, Gedanken und Affekte hinsichtlich der Tatsache der Tötung meinen Mitbürgern mitteilen zu können. Als Mensch empfinde ich manchmal - ich schäme mich, das hinnehmen zu müssen - Freude am Schmerz gewisser Menschen und Zorn über den Schmerz anderer.“ Und fuhr fort: „Beim Prozess von Herrn Mehanna sah ich, wie solche Taten zu Bundesverbrechen werden konnten, denn Herr Mehanna wurde großteils auf Grund dessen verurteilt, was er gesagt, geschrieben und übersetzt hat.“
An solchen Beispielen und vielen anderen können wir feststellen, dass die verfassungsmäßigen Rede- und Vereinigungsfreiheiten in den USA auf Grund politischer Beurteilungen nur selektiv garantiert werden. Die führenden US-Persönlichkeiten, öffentlich wirksame Intellektuelle und Meinungsbilder berufen sich mit Wonne auf den ach so unantastbaren 1. Zusatzartikel, wenn Symbole angegriffen werden, und dann finden sie allerlei Rationalisierungen und juristische Auswege, wenn Moslems von der Redefreiheit einen in ihren Augen verwerflichen Gebrauch machen. Jedoch bleibt in den islamischen Gesellschaften und weltweit überhaupt dieses Zweierlei-Maß-System nicht unbemerkt.
Will man beurteilen, ob eine Gesellschaft die Redefreiheit hoch schätzt und garantiert, dann sind die entsprechenden besten Kriterien der Schutz, den seine verletzbarsten Mitglieder, jene, die leicht zum Angriffsziel der Mehrheit werden könnten, genießen, ist, dass sie sicher fühlen und frei, sich über jedes beliebige Thema angstfrei zu äußern, wann sie wollen, und dabei keine Einschüchterung bzw. negative Rückwirkungen zu befürchten haben. Mit anderen Worten: Wenn man wissen will, ob die USA heutzutage die Redefreiheit in Ehre halten, sollte man diese Frage an hundert wahllos ausgesuchte US-amerikanische moslemische Aktivisten stellen; dann würde man eine wahrheitsgetreue Antwort erhalten.
Kurz gesagt: Die USA werden die Rolle des Weltmeisters und Hüters der Redefreiheit erst glaubwürdig übernehmen können, wenn die Gedanken, Reden, Schriften, Fatwas Übersetzungen, Poesie und Websuche der Mehannas und ihresgleichen nicht mehr kriminalisiert werden. Erst dann, wenn jene wieder freigelassen werden, können diese ihren rühmlichen Titel neu gewinnen...