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 25/05/2013 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
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 UMMA 
UMMA / “Das System muß weg”-Ägypten am Sonntag: Die Demonstranten sind voller Hoffnung, aber die Armee zeigt Stärke
Date of publication at Tlaxcala: 31/01/2011
Translations available: English  Français  فارسی 

“Das System muß weg”-Ägypten am Sonntag: Die Demonstranten sind voller Hoffnung, aber die Armee zeigt Stärke

Karin Leukefeld کارین لویکفلد

 

»Sehen Sie hier, das sind Hülsen der Munition, die die Polizei gegen uns abgeschossen hat!« Der große Mann hält aufgeregt zwei Hände voller Hülsen vor die Kamera … »12GA. Made in USA« ist darauf zu lesen. Das sind Patronenhülsen für Schrotgewehre, mit denen normalerweise auf Vögel geschossen wird, erklärt sein Nachbar, »sie behandeln uns wie Tiere.« »Und hier ist eine Patrone«, drängt ein anderer junger Mann vor meine Kamera, »sie haben auch scharf geschossen.« Auf der schwarzen Mütze, die sein Haar verbirgt, prangt ein Bild von Che Guevara. Im Hintergrund applaudieren die Demonstranten an diesem Sonntag einer Gruppe Soldaten, die sich mit ihrem Panzer langsam einen Weg durch die Menge bahnen. »Entweder Mubarak oder das Volk – die Armee muß sich entscheiden«, ist auf einem Transparent zu lesen.

Trotz einer verlängerten Ausgangssperre von 16 bis 8 Uhr blieben die Demonstranten auch in der Nacht zum Sonntag auf dem Tahrir-Platz im Herzen von Kairo, dem Platz der Befreiung. Seit sechs Tagen fordern sie dort den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak. Den neu ernannten Vizepräsidenten Omar Suleiman, der auch Chef des Geheimdienstes ist, wollen sie ebensowenig an der Spitze der Regierung sehen. Auch nicht Luftwaffengeneral Ahmed Schafik, den Mubarak inzwischen zum Ministerpräsidenten machte.


Kairo, 30 Januar: Panzerblockade in der Innenstadt. Die Polizei ist verschwunden

Siegeszeichen

»Das ganze System muß weg«, meint ein Mann, der einen Schal um seinen Kopf geschlungen hat. »Und wenn wir noch einen Monat hier demonstrieren müssen. Sie haben uns 30 Jahre lang unterdrückt und bestohlen, alle müssen gehen.« Wer dann Ägypten führen wird, sollten Wahlen entscheiden, meint ein ehemaliger Unternehmer, der die Hände zum Siegeszeichen erhoben hat. »Sagen Sie der deutschen Regierung, sie soll aufhören, Diktatoren zu unterstützen.« Es gebe viele Ärzte und Universitätsprofessoren, die das Land regieren könnten, meint ein weiterer Mann und betont, daß man auch keine »Vorschläge aus dem Ausland« brauche. »Wir brauchen Führer, die aus dem Volk kommen und es verstehen.«

Eine weitere Gruppe von Demonstranten umringt das Rondell in der Mitte des Platzes. »Sie fordern, daß Mubarak und seine Leute gehängt werden sollen«, übersetzt ein junger Mann. Ein 63jähriger Architekt, der mit seiner Frau inmitten vieler Menschen auf einer Mauer sitzt, verfolgt das Geschehen aufmerksam. Jeden Tag sei er auf dem Platz, sagt er. Wenn er sich umschaue, schöpfe er für die Zunkunft seines Landes wieder Hoffnung. »Wir dachten, unsere Jugend sei apathisch und unpolitisch, hier beweist sie das Gegenteil.« Mubarak müsse der Prozeß gemacht werden, er müsse eingestehen, welche Fehler er als Präsident gemacht und wie er die Menschen ausgebeutet und unterdrückt habe. »Wir wollen ihn für jedes einzelne Vergehen anklagen.«

Dazu gehört auch das brutale Verhalten der Mubarak unterstellten Polizei, die in den vergangenen Tagen landesweit vermutlich über 100 Menschen getötet hat. Wahrscheinlich auf höchsten Befehl hin zogen sich die schwarzen Schlägertrupps am späten Freitag nachmittag im ganzen Land zurück, woraufhin das Militär Straßen und Plätze besetzte und von den Demonstranten freudig begrüßt wurde. Der Abzug der Polizei hatte allerdings auch eine Welle von Plünderungen zur Folge, woraufhin Zivilisten begannen, sich mit schweren Holzknüppeln zu bewaffnen, um ihre Straßen und Wohnbezirke selbst schützen zu können.



Demonstrantinnen fordern am Sonnabend in Kairo das Militär zu Unterstützung auf.  Foto Asmaah Waguih/Reuters

Sicherheitstrupps

Sogar das Nationalmuseum von Kairo blieb von randalierenden und mit Knüppeln bewaffneten Banden nicht verschont. Demonstranten, die eine Menschenkette um das Gebäude gebildet hatten, konnten sie nicht aufhalten. Schließlich rückte das Militär an und vertrieb sie. Allein in Heliopolis, einem Reichenviertel der Stadt, stellten die eilig gebildeten Sicherheitstrupps fünf Männer bei Plünderungen, die alle Ausweise der Polizei oder Sicherheitstruppen des Innenministeriums bei sich trugen. Das Regime versuche offenbar, die Demonstranten einzuschüchtern, meinte mir gegenüber Youssef Zeki, Medizinprofessor in Kairo. »Mit solchen Aktionen wollen sie den Menschen drohen, daß die Wohnviertel nicht sicher sind, während sie demonstrieren.« Doch die Bevölkerung lasse sich nicht mehr einschüchtern, versichert er. Wenn diese Revolution gelinge, sei sie die erste in der Geschichte des Landes. »Sie findet nicht nur in Kairo statt, auch in Alexandria, Suez und anderen Städten gehen die Menschen auf die Straße. Und zwar aus allen Teilen der Gesellschaft.«

Weniger erfreut scheinen unterdessen Herren mit Schlips und Kragen zu sein, die vor der ausgebrannten Zentrale der Nationalen Demokratischen Partei (NDP) erste Aufräumarbeiten anordnen. Zu einem Gespräch mit Journalisten sind sie nicht bereit, deutlich ist ihnen aber die Unsicherheit anzumerken, die der Verlust ihrer Arbeitsplätze und ihrer Stellung bei ihnen auslöst. Vor dem nahegelegenen staatlichen Fernsehsender, abgeschirmt von Panzern und Soldaten, stehen derweil die Mitarbeiter in einer langen Schlange, um eingelassen zu werden. Hier will man offenbar zur Normalität zurück, gleichwohl gibt es wenig Bereitschaft, sich zu äußern.

Im Zentrum Kairos versuchen einige wenige, ihrem aus den Fugen geratenen Leben wieder Struktur zu verschaffen. Sie fegen die Scherben und Überreste von Kämpfen zur Seite, rollen ihre Obstkarren auf die Straßen. Busse, Minibusse und Taxis sind auch unterwegs, sofern Straßensperrungen sie nicht an der Fahrt hindern. Mobiltelefone funktionieren zum Teil wieder, doch die komplette Sperrung des Internets seit Freitag erschwert nicht nur die Arbeit von Journalisten, sie legt auch die Banken lahm. Die ersten Unternehmer haben das Land verlassen, die Börse ist geschlossen. Reisende wissen nicht, ob ihre Flüge wie geplant stattfinden. Ob Taxifahrer oder Hotelpersonal – überall entschuldigen sich die Kairoer für das Durcheinander. »Wir müssen das machen, es ist für unsere Zukunft«, sagt ein junger Hotelangestellter. Hinter ihm hängt zwar immer noch das bislang obligatorische Bild des Präsidenten, doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis es auch hier verschwindet.

Seit dem frühen Sonntag nachmittag strömen wieder Tausende Demonstranten, darunter auch Anwälte und Richter, auf den Tahrir-Platz, um gegen das gewalttätige Vorgehen der Polizei zu protestieren und Aufklärung über die Morde zu fordern, denen allein in Kairo mindestens 60 Menschen zum Opfer gefallen sind. Noch hält sich das Militär weiter zurück. Die Luftwaffe allerdings zeigt Stärke. Während diese Zeilen geschrieben werden, dröhnen Kampfjets im Tiefflug über das Stadtzentrum von Kairo hinweg.





Courtesy of junge Welt
Source: http://www.jungewelt.de/2011/01-31/066.php
Publication date of original article: 31/01/2011
URL of this page: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=3609

 

Tags: ÄgyptenNordafrikaNahostRevolutionArmeeMubarak
 

 
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