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 28/11/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 ABYA YALA 
ABYA YALA / „Der Kondor fliegt nur, wenn sein rechter Flügel in perfektem Einklang mit dem linken Flügel steht“
Rede des Vizepräsidenten David Choquehuanca zum Amtsantritt von Luis Arce in Bolivien
Date of publication at Tlaxcala: 22/11/2020
Original: “Nuestra lucha es contra todo tipo de sometimiento y contra el pensamiento único colonial, patriarcal”
Discurso de investidura del Vicepresidente boliviano David Choquehuanca

Translations available: Français  Português/Galego  English 

„Der Kondor fliegt nur, wenn sein rechter Flügel in perfektem Einklang mit dem linken Flügel steht“
Rede des Vizepräsidenten David Choquehuanca zum Amtsantritt von Luis Arce in Bolivien

teleSUR

Translated by  Nachrichtenpool Lateinamerika

 

Folgende Rede wurde vom gewählten Vizepräsidenten zum eigenen Amtsantritt und dem vom Prâsidenten Luis Arce am 8. November in La Paz gehalten.

 

Mit der Erlaubnis unserer Götter, unserer älteren Brüder und unserer Pachamama, unserer Vorfahren, unserer Berggeister, mit Erlaubnis der Patujú [falsche Paradiesvogelblume, eine der zwei Nationalblumen Boliviens, Anm. d. Hrsrgb.], des Regenbogens und des heiligen Coca-Blatts, mit der Erlaubnis unseres Volkes, mit der Erlaubnis aller in diesem Saal Anwesenden und nicht Anwesenden möchte ich heute einige wenige Minuten in Anspruch nehmen, um Ihnen unsere Gedanken mitzuteilen. Kommunizieren ist eine Pflicht, denn der Dialog ist ein Grundprinzip des Buen Vivir, des Guten Lebens.

Wir, die Völker der ursprünglichen Kulturen, der Kultur des Lebens, bewahren unsere Ursprünge seit Anbeginn der Zeiten.

Wir sind die Erben einer alten Kultur, die versteht, dass alles miteinander verbunden ist, dass nichts gespalten wird und alles zusammengehört.

Deshalb wurde uns gesagt, wir sollen alle zusammen gehen, so dass niemand zurückgelassen wird, dass jeder alles hat und niemandem etwas fehlt.

Das Wohlergehen aller ist das Wohlergehen des eigenen Ichs. Helfen bedeutet zu wachsen und glücklich zu sein. Durch den Verzicht zum Wohle anderer fühlen wir uns gestärkt. Unsere Einheit zu spüren und uns selbst im Ganzen zu erkennen ist unser Weg. Er ist es heute, er war es gestern, er wird es morgen sein. Es ist der Weg, von dem  wir uns nie entfernt haben und uns niemals entfernen werden.

Die Energie des Ayllu führt zur Balance der Kräfte

Das Prinzip unserer gegenseitigen Hilfe, der Gemeinschaftsarbeit, der Ayni, die Minka, die Tumpa, unsere Colka – sie sind die Essenz unseres Lebens, unseres Ayllu. Ayllu ist nicht einfach eine Form der gesellschaftlichen Organisation, Ayllu ist die auf das allumfassende Gleichgewicht ausgerichtete Organisation aller Wesen, allen Lebens, das auf unserem Planeten oder unserer Mutter Erde existiert.

Jahrhundertelang waren die zivilisatorischen Grundideen von Abya Yala verschüttet, vieles wurde ausgerottet, unsere traditionelle Weltsicht systematisch dem kolonialen Denken unterworfen. Aber sie konnten uns nicht vernichten, wir leben, wir sind zurückgekehrt aus Tiwanaku, wir sind stark, wir sind hart wie Stein, wir sind Cholke, wir sind Sinchi, wir sind Rumy, wir sind Jenecheru, lebendiges Feuer der Hoffnung, das nie erloschen ist, wir kommen aus der Inka-Stätte Samaipa, wir sind der Jaguar, wir sind Túpac Katari, wir sind Comanchen, Maya, Guarani, wir sind Mapuche, Mojeño, Aymara, Quechua, Joki und alle Menschen, die die Kultur des Lebens in sich tragen, die wir die Weisheit geweckt haben, die selbe  rebellische Weisheit wie damals.

Heute befinden wir uns in Bolivien und in der Welt in einer Zeit des Übergangs, der sich gemäß dem Zyklus der Zeit alle 2000 Jahre vollzieht. Von der Un-Zeit brechen wir auf in eine neue Morgenröte, eine neue Zeitenwende, Pachakuti, in unsere Geschichte. Uns erwartet eine neue Sonne, ein neuer Ausdruck in der Sprache des Lebens, wo die Empathie für andere und das kollektive Wohl den egoistischen Individualismus ersetzen. Wo wir BolivianerInnen einander als Gleiche betrachten und wissen, dass wir vereint so viel stärker sind.

Jiwasa: Es ist an der Zeit, wieder wir zu werden

Es ist an der Zeit, wieder wir zu werden, Jiwasa, nicht ich, nicht du, sondern wir. Jiwasa überwindet den Egozentrismus, den Anthropozentrismus und den Theozentrismus. Es ist an der Zeit, wieder Jambae zu werden. Diesen Ausdruck haben unsere Guarani-Brüder für uns bewahrt. Jambae ist die Person, die niemandem gehört. Niemand auf dieser Welt darf sich einbilden, irgendjemanden oder irgendetwas zu besitzen.

 Seit 2006 arbeiten wir in Bolivien hart daran, unsere individuellen und kollektiven Wurzeln miteinander zu verbinden, um wieder wir selbst zu werden, zu unserer Mitte zurückzufinden, zum Taypi, zur Pacha, zur Ausgewogenheit, aus der die wichtigsten Weisheiten der Zivilisationen unseres Planeten entspringen.

Wir sind dabei, unser Wissen zurückzugewinnen, die Grundlagen der Kultur des Lebens, des zivilisatorischen Kanons einer Gesellschaft, die in inniger Verbindung mit dem Kosmos, mit der Welt und mit der Natur lebt.

Wir streben danach, als Individuen und in kollektiver Verbundenheit unser Buen Vivir, unser Gutes Leben und  unsere Gemeinschaft aufzubauen und das Wohlergehen des Einzelnen und der Gemeinschaft zu sichern.

Wir sind dabei, unsere Identität zurückzugewinnen, unsere kulturellen Wurzeln neu zu entdecken. Wir haben kulturelle Wurzeln, wir haben unsere Philosophie, unsere eigene Geschichte, wir haben alles, wir sind Menschen, und wir haben Rechte.

Einer der unerschütterlichen Stützpfeiler unserer Zivilisation ist das Wissen um die Pacha, das uns vererbt wurde. Wer Ausgewogenheit über die Begrenzungen von Zeit und Raum hinaus zu bewahren weiß, kann auch die kosmischen Energien lenken, die auf uns einströmen, die Energie des Himmels und die Energie, die aus der Erde aufsteigt.

Aus dem Zusammenspiel dieser beiden kosmischen tellurischen Kräfte entsteht, was wir Leben nennen: Pachamama als der sichtbare Teil und Pachakama als der rein Spirituelle.

Indem wir das Leben als ein Produkt der kosmischen Energie verstehen, haben wir die Möglichkeit, die komplementäre Beschaffenheit  von Gegensätzen für uns zu nutzen und unsere Geschichte, die  Materie und unser Leben als Zusammenwirken der Chachawarmi-Kraft, der sich ergänzenden Dualität  zu verändern. Die neue Zeit, die für uns anbricht, wird getragen von der Energie des Ayllu, der Gemeinschaft, des Konsens, der horizontalen Ausrichtung, des komplementär angelegten Gleichgewichts und des Gemeinwohls.

Die Unantastbarkeit der Macht, das Manko der Revolutionen

Historisch gesehen wird Revolution als ein politischer Akt verstanden, der die Gesellschaftsstruktur und damit das Leben der Individuen verändert. Trotzdem ist es keiner der Revolutionen gelungen, das Wesen der Macht umzukrempeln. Macht hat weiterhin die Funktion, die Kontrolle über die Menschen zu erhalten. Das Wesen der Macht wurde nicht verändert, stattdessen hat die Macht es geschafft, den Verstand von Politikern zu vernebeln.

Macht macht korrupt, und es ist sehr schwierig, den Einfluss der Macht und ihrer Institutionen zu regulieren. Aber hier liegt eine Herausforderung, der wir uns mit der Weisheit unserer Völker stellen werden. Unsere Revolution ist die Revolution der Ideen, sie ist die Revolution des Einklangs, denn wir sind überzeugt: Um die Gesellschaft, die Regierung, die Verwaltung, die Gesetze und das politische System verändern zu können, müssen wir uns als Individuen verändern.

Der Kondor fliegt nur, wenn seine Flügel im Einklang sind

Wir werden das Aufeinandertreffen von Widersprüchen nutzen, um Lösungen zu finden. Den Widerspruch zwischen Rechts und Links, zwischen der Rebellion der Jugend und der Weisheit der Großeltern, zwischen den Grenzen der Wissenschaft und der unbeirrbaren Natur, zwischen den kreativen Minderheiten und den traditionellen Mehrheiten, zwischen den Kranken und den Gesunden, zwischen den Machthabern und den Regierten, zwischen dem offiziellen Glaubensdiktat und der Gabe, anderen zu dienen.

Unsere Wahrheit ist ganz einfach: Der Kondor fliegt nur, wenn sein rechter Flügel in perfektem Einklang mit dem linken Flügel steht.

Unser Bemühen, uns zu ausgeglichenen Individuen zu entwickeln, wurde vor Jahrhunderten brutal unterbrochen. Wir konnten unsere Entwicklung nicht abschließen und stehen nun mitten in der Ayllu-Ära, der Ära der Gemeinschaft. Sie ist hier und fordert uns auf, als freie, ausgeglichene Individuen harmonische Beziehungen mit unseren Mitmenschen und mit unserer Umwelt aufzubauen.

Es ist dringend erforderlich, dass wir in der Lage sind, für uns selbst und für die Gemeinschaft ein Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Wir befinden uns in der Zeit der Brüder der apanaka pachakuti, der Brüder des Umbruchs.

Unser Kampf war nie nur für uns selbst, sondern auch für die anderen und nicht gegen sie. Wir streben danach, unsere Bestimmung zu erfüllen, wir suchen nicht die Konfrontation sondern Frieden.

Wir vertreten nicht die Kultur des Krieges oder der Herrschaft. Unser Kampf richtet sich gegen jede Art von Unterwerfung und gegen koloniales, patriarchales Denken, wer auch immer dieses Denken einbringt.

Ausgehend von der Idee der Begegnung von Geist und Materie, von Himmel und Erde, von Pachamama und Pachakama glauben wir daran, dass Frau und Mann gemeinsam die Menschheit, den Planeten und das schöne Leben auf dieser Erde heilen und unserer Mutter Erde ihre Schönheit zurückzugeben können.

Wir werden die heiligen Schätze unserer Kultur gegen jeglichen Eingriff schützen, wir werden unsere Völker, unsere natürlichen Ressourcen, unsere Freiheiten und unsere Rechte verteidigen.

Wir werden zu unserem Kapak Ñan zurückkehren, dem erhabenen Weg der Einigkeit, dem Weg der Wahrheit, dem Weg der Brüderlichkeit, dem Weg der Einheit, dem Weg des Respekts vor unseren Autoritäten, vor unseren Schwestern, dem Weg des Respekts vor dem Feuer, der Weg des Respekts vor dem Regen, dem Weg des Respekts vor unseren Bergen, dem Weg des Respekts vor unseren Flüssen, dem Weg des Respekts vor unserer Mutter Erde, dem Weg des Respekts vor der Souveränität unserer Völker.

Die Spaltung überwinden

Brüder, zum Schluss noch dieses: Wir BolivianerInnen müssen die Spaltung überwinden, den Hass, den Rassismus, die Diskriminierung zwischen Landsleuten. Keine Verfolgung der Meinungsfreiheit und keine Kriminalisierung politischer Positionen mehr. Schluss mit dem Machtmissbrauch! Die Aufgabe der Macht ist zu helfen.

Macht muss rotieren, Macht, und insbesondere wirtschaftliche Macht, muss umverteilt werden. Macht muss zirkulieren, muss fließen wie das Blut in unserem Organismus.

Wir sagen: keine Straffreiheit mehr, sondern Gerechtigkeit, Brüder. Wir brauchen eine Justiz, die wirklich unabhängig ist. Beenden wir Intoleranz und Missachtung der Menschenrechte und der Rechte unserer Mutter Erde.

Der Anbruch dieser neuen Zeit bedeutet, die Botschaft unserer Völker zu hören, die aus tiefstem Herzen kommt, Wunden zu heilen, einander mit Respekt zu betrachten, unsere Heimat wiederzugewinnen, gemeinsam zu träumen, Brüderlichkeit, Harmonie, Einklang und Hoffnung aufzubauen, um Frieden und Glück für die kommenden Generationen zu schaffen. Nur so können wir unser Gutes Leben erreichen und uns selbst regieren.

Jallalla [es lebe] Bolivien!





Courtesy of NPLA
Source: https://www.youtube.com/watch?v=JmAFKehPY-M&feature=youtu.be
Publication date of original article: 08/11/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=30130

 

Tags: David ChoquehuancaLuis ArcePlurinationaler Staat BolivienAbya Yala
 

 
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