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 CULTURE & COMMUNICATION 
CULTURE & COMMUNICATION / In der DDR als BRD-Kommunist: „Zusammen mit der Arbeiterklasse Bier zu trinken, war wie ein Gottesdienst“
Date of publication at Tlaxcala: 03/10/2020

In der DDR als BRD-Kommunist: „Zusammen mit der Arbeiterklasse Bier zu trinken, war wie ein Gottesdienst“

Cordt Schnibben

 

Indem der Sohn gleich nach dem Abitur seinen Koffer packt und rübergeht in die DDR. Geschehen im Sommer 1971: Ich verschwand von Bremen nach Ost-Berlin in die „Karl-Marx-Universität, Franz-Mehring-Institut, Außenstelle Berlin“. Ehrlicher wäre gewesen: „Wladimir-Lenin-Internat zur Dogmatisierung westdeutscher Linker“ , also die Parteischule der Deutschen Kommunistischen Partei, in Berlin-Biesdorf gelegen, neben einer psychiatrischen Klinik. Das Zimmer in der marxistischen Idylle hatten mir Kommunisten aus Bremen vermittelt, die ich bewunderte, weil sie sich Hitler widersetzt hatten und in den fünfziger und sechziger Jahren trotz KPD-Verbot links waren.

In Ost-Berlin ein Linksradikaler aus Bremen

Es begann das bis dahin schönste Jahr meines Lebens: den ganzen Tag Marx, Engels, Lenin lesen, Referate halten, die Revolution in der BRD planen, mittags Wildschwein-Rolle essen und Fußball spielen auf dem kleinen Bolzplatz des Internats. Die Stasi wollte nichts von uns, als junge Kommunisten waren wir zwar willig, aber unbrauchbar. IMs im Westen suchte die Stasi lieber bei Sozialdemokraten und Friedensfreunden.

Wir konnten uns frei in Ost-Berlin bewegen, wenn auch der intensive Kontakt zu DDR-Bürgern verboten war. Besonders verboten war der Besuch in der Kneipe „Zur Post“ in Biesdorf, weil dort Spitzel des westdeutschen Verfassungsschutzes darauf warteten, uns kennenzulernen und auszuhorchen. Die Nummernschilder der West-Pkws auf dem Gelände des Internats mussten immer abgedeckt werden. Unter den 200 Westlinken im Internat waren drei Spitzel des Verfassungsschutzes, wie ich später erfuhr.

Ich hielt mich nicht an die Kontaktsperre und lernte bei den Expeditionstouren zum „Haus der jungen Talente“ und dem „Berliner Ensemble“ viele junge DDR-Bürger kennen. In Ost-Berlin ein Linksradikaler aus Bremen zu sein, der von Straßenblockaden, Farbanschlägen und Bombendrohungen erzählen konnte, von Molotow-Cocktails und zerschlagenen Kaufhausscheiben, von Drogenexperimenten und Sexorgien, das war das, was wir „Che-Faktor“ nannten. In meinen groß gemusterten, psychedelischen Hemden und der geblümten Schlaghose sah ich aus wie ein Bassist der Moody Blues oder der Kinks. In Ost-Berlin so herumzulaufen, war anstrengend, aber wirkte, als würde ich mit einem Lautsprecherwagen durch die Karl-Marx-Allee rollen.

Ich lernte die Tochter eines Stasi-Offiziers im Westeinsatz kennen, nennen wir sie Maria, zu Hause in einem Wohnblock an der Jannowitzbrücke. Sie hatte ein dramatisches Bild von dem Land hinter der Mauer: Da wächst ein neuer Faschismus heran, meine Erzählungen von den Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze gaben ihr recht, Hauptparole „Strauß und Benda sind sehr fleißig für ein neues 33“. Wir passten perfekt zusammen. Und dann kamen noch Milka-Schokolade und Ariel aus dem Intershop dazu.

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Was begeisterte mich an der DDR?

Ich machte mir über die DDR keine großen Illusionen, ich betrachtete sie nicht als Gesellschaft, in der ich mal leben wollte. In vielem erinnerte sie mich zu sehr an die Gesellschaft, gegen die wir drüben rebellierten. Das Leben war so spießig, so autoritär, so stillos wie das Leben, das wir gerade abzuschütteln begonnen hatten. Wie die anderen Westlinken auch stellte ich mir einen anderen Sozialismus vor, ein linkes Phantasialand: das Essen aus Vietnam, der Rotwein aus Ungarn, die Musik aus Kuba, eine Planwirtschaft der echten Bedürfnisse, einen Staat, der langsam abstirbt. Also ungefähr so eine DDR, von der die linke Opposition in den Wochen nach dem Mauerfall träumte.

Was begeisterte mich an der DDR? Die Vergangenheit, die Zeit nach dem Ende des Krieges, diese Aufbruchstimmung. Einen Staat neu aufzubauen, der alles anders macht, der aus der Nazi-Zeit die richtigen Schlüsse zieht, der die Nazis aus dem Staatsapparat jagt, der den Entrechteten und Unterdrückten zu Macht und Wohlstand verhilft, einen Staat, der all das entwickeln sollte, was damals Zehntausende Künstler und Intellektuelle bewog, vom Westen in den Osten zu gehen.

Die Schwärmerei für die Vergangenheit war nicht getrübt von Zweifeln, die man sich ganz einfach hätte aneignen können. Ich las zwar Wolfgang Leonhardts „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, aber den Erzählungen der Kommunisten aus West und Ost glaubte ich mehr. Wir gaben uns große Mühe, die DDR aufregend zu finden, alles, was uns nicht gefiel, entschuldigten wir damit, dass wir Kleinbürger uns in der Diktatur des Proletariats natürlich anpassen müssen. Und damit, dass die Existenz des Imperialismus gleich hinter der Mauer es nicht ermöglichte, den Sozialismus so toll aufzuziehen, wie er eigentlich gedacht war. Wir gaben uns große Mühe, uns zur „voll entfalteten sozialistischen Persönlichkeit“ zu entfalten. Aber wir waren versaut durch all das, was wir uns durch die Rebellion gegen die wilhelminische Sofakissendiktatur der Bundesrepublik erkämpft hatten. Die sexuelle Revolution allerdings, von der mussten wir unsere neuen Ost-Freunde nicht überzeugen.

Bilder vom Prenzlauer Berg Anfang der 70er

Foto Gerd Danigel

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Fotos Bernd Heyden

In den leeren Wohnungen machten sich Partygänger breit

Bei meinen Streifzügen durch Ost-Berlin suchte ich das Rebellische in der DDR, in die Kirchen verirrte ich mich leider nicht, die Kirchen im Westen waren die Nester der Konservativen. Maria lotste mich ein paar Mal zum Hausboot bei der „Insel der Jugend“, dort sollten sich aufmüpfige FDJler treffen. Immer versprach sie, Gregor komme auch, ein Rechtsanwalt, dem ein geheimnisvoller Ruf vorauseilte, aber Gysi tauchte nie auf. Die Kneipen im Prenzlauer Berg zogen mich an, auch wenn der Prenzlauer Berg erst später zu einem legendären Viertel wurde.

Die löchrigen Fassaden im Prenzlauer Berg erzählten vom Krieg, die blinden Fenster von Armut, die Straßen von einer Zeit ohne Autos. Wenn wir nachts durch die Straßen zogen, waren wir in der Nachkriegszeit unterwegs; Freunde liebten es, uns in leere Wohnungen zu lotsen, in denen Lesungen stattfanden, Leute eine Kiste Bier leerten oder ihre Bilder ausstellten. Die Bewohner des Viertels machten die verlassenen Wohnungen zu Volkseigentum, sie behielten die Schlüssel der Entflohenen, sie machten sich in den Wohnungen breit, sie nutzen sie als Partyräume, für Ausstellungen, zur Volksbelustigung.

Die Kneipen gefielen mir sogar besser als Pauls Kloster, das Piano oder die Lila Eule in Bremen, weil in den Kneipen auch Arbeiter ihr Bier tranken, und zusammen mit der Arbeiterklasse zu trinken, das war für einen jungen Kommunisten so etwas wie ein Gottesdienst. Freunde schwärmten von Partydächern, die in lauen Sommernächten zu Hochsitzen der linken Ostboheme wurden; Künstler, Intellektuelle, Studenten, Dissidenten, die sich wie Hausbesetzer fühlten und wie Abgesandte aus einer kommunistischen Zukunft.

Mit einer Flasche Stierblut auf den Sozialismus herunterzublicken und herauf zu den Fliegern, die von Tegel abhoben in Richtung USA, Frankreich, England, von Dach zu Dach zu klettern, das war wie ein Spaziergang durch die Zukunft. Was uns verband von West nach Ost, waren die Songs aus England und den USA, es war die Zeit, als Pop-Songs alle großen Fragen, die ein Zwanzigjähriger ans Leben hatte, beantworteten.

Die Beziehung zu Maria endete abrupt

Die Beziehung zu Maria endete abrupt, als ihr Vater aus dem Westen zurückkam und in mir einen möglichen Spitzel des Verfassungsschutzes sah, der seiner Tochter und ihm gefährlich werden konnte.

Als ich mich an der Bremer Uni einschrieb, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren, erwähnte ich im Lebenslauf das Studium des Marxismus an der Karl-Marx-Uni. Die beiden Semester wurden mir anerkannt, ich war ab jetzt im 3. Semester – bis der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) daraus einen Skandal machte: „Bremer Uni erkennt kommunistischen Parteikurs an.“ Der Uni-Rektor wollte, dass ich mich als Erstsemester neu einschrieb. Ich lehnte ab, weil die „Integrierte sozialwissenschaftliche Eingangsstufe“ des Studiengangs zu großen Teilen genau das lieferte, was ich in Berlin-Biesdorf gepaukt hatte. Die Bremer Uni galt in den Gründungsjahren als „Rote Kaderschmiede“.

Am Morgen nach dem Mauerfall, bevor ich rüberfuhr, um für den SPIEGEL das Ende der DDR zu beschreiben, ging ich zu meinem Ressortleiter und gestand mein kommunistisches Jahr in der DDR. Er war begeistert und hob die Kontakte hervor, die ich doch nun auffrischen könne.

Vor einigen Wochen bin ich rausgefahren nach Biesdorf, Recherche für den Roman über mein Leben als Ossi. Die Ziegelbauten des Internats sind jetzt Teil vom „Unfallkrankenhaus Berlin“. Danach: Gefängnis in Hohenschönhausen, dann Stasi-Museum an der Normannenstraße – meine „Historical Mystery Tour“, ich war gerührt von der damaligen revolutionären Ungeduld, geschüttelt von der selbstverordneten Unwissenheit.

Zum Schluss der Tour zur Jannowitzbrücke, ich stand wieder vor Marias Haus in der Holzmarktstraße. Ist sie Diplomatin geworden, wie sie es sich damals in unseren Stierblutnächten erträumte? Lebt sie in Berlin? Liest sie die Berliner Zeitung?

1989

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Dissidententum erschienen.
Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de





Courtesy of Berliner Zeitung
Source: https://www.berliner-zeitung.de/30-jahre-einheit/dissident-in-der-ddr-als-brd-kommunist-spiegel-sozialismus-cordt-schnibben-li.108108
Publication date of original article: 02/10/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=29743

 

Tags: DDR/BRDDissidentenDeutschland, bleiche Mutter
 

 
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