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 06/07/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 CULTURE & COMMUNICATION 
CULTURE & COMMUNICATION / Demokratie und die Notwendigkeit der Skepsis
Date of publication at Tlaxcala: 24/05/2020

Demokratie und die Notwendigkeit der Skepsis

Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди

 

Demokratie bedeutet Diskurs, Demokratie bedeutet Gespräch, Austausch, Zweifel, Auseinandersetzung, lösungsorientierter Ansatz und Dynamik. Was Demokratie trotz der etymologischen Ableitung des Begriffs nicht ist, ist die Herrschaft der Mehrheit im Sinne der Dominanz einer unpolitischen Masse von „Idioten“, diesmal im etymologischen Sinne, d.h. Vorherrschaft einer Masse, die sich von der Politik raushält und sich von jeglichem politischen Engagement in der Gesellschaft distanziert.

Gerhard Seyfried, 1978


Wenn ich politisch denke und handle, hinterfrage ich. Und da ist der Weg zur Verbindung zwischen Demokratie und Skepsis geebnet. Auch der Begriff Skepsis soll aber nicht negativ als unüberbrückbarer Zweifel ausgelegt werden, sondern wohl gemäß der Semantik des Altgriechischen, d.h. als Hinterfragung, Betrachtung, Analyse. Ich sehe einen unentbehrlichen Zusammenhang zwischen Demokratie und positiv ausgelegter Skepsis. Die Skepsis streitet die Wahrheit nicht ab, sondern suspendiert das eigene Urteil, um sich besser zu informieren, mehr über ein Thema zu erfahren, bevor man blind den Dogmen der „Mehrheit“ im negativen Sinne verfällt.
 
Ich finde, dass die Diskussion über die Aufrechterhaltung des Erbes der altgriechischen Skeptiker gerade in der Coronakrise unerlässlich ist. Ich muss zweifeln dürfen, gerade weil es um Gesundheit und Politik und um Freiheitseinschränkungen in der Demokratie geht. Seit Corona unser Leben beherrscht, werden in der Demokratie unerforschte Dogmen kritiklos übernommen, weil Worte wie Gesundheit der Gesellschaft, Kampf gegen einen unsichtbaren Feind auf dem virologischen Schlachtfeld fallen und Menschen vor den Katastrophenszenarien unzähliger Toter einfach Angst haben.
 
Aber was hat Demokratie mit Freiheitseinschränkungen, Übernahme von Dogmen, Kritiklosigkeit und Angstmache zu tun? Im Grunde schlicht und einfach gar nichts.
 
Demokratie bedeutet Austausch von Meinungen, Erforschung von Wahrheiten, Ablehnung fertiger, kritiklos übernommener Dogmen und Suche nach der Wahrheit jenseits des Scheins.
 
Die Frage nach dem Warum, die Neugierde, all dies führt uns dazu, demokratisch zu denken und zu handeln. Wenn wir uns nach dem Warum der Coronamaßnahmen fragen und unser Urteil aussetzen und hinterfragen, was die Medienpropaganda predigt und welche Dogmen sie uns aufzwingen möchte, denken und handeln wir demokratisch.
 
Zwei wichtige Aspekte der Demokratie sind die Kritik an der Medienpropaganda und die Anerkennung der Vielfalt im politischen Diskurs, auch innerhalb der einzelnen Parteien und politischen Strömungen. Und das Ganze fehlt wir im Moment. Menschen, die vorherrschende Medienberichte als unwahr oder dogmatisch zu entlarven versuchen, gelten als Corona-Verweigerer und Verschwörungstheoretiker. Menschen, die nicht mehr wissen, wo links und rechts ist und am Ende aus beiden Lagern verschwinden, gelten als politisch verwirrt. Menschen, denen die Vielfalt in der deutschen Partei Die Linke fehlt, werden mundtot gemacht.
 
Wer die harte Lockdownlinie der Parteichefin hinterfragt, gilt als Nicht-konformer Linker, der das Virus und seine Gefahren unterschätzt. Die Vielfalt und Weltoffenheit der Opposition sind wie verschluckt. Man erkennt nicht mehr, wo diejenigen sind, die sich mit Meinungsfreiheit und Anti-Rassismus, Kosmopolitismus und Anti-Militarismus, Revolutionsdenken und Kritik an den staatlichen Maßnahmen politisch in Szene gesetzt hatten, als das Corona-Virus noch nicht die politische Bühne besetzte und uns alle zum Schweigen zwang.
Auf der offiziellen Webseite der Partei „Die Linke“ heißt es nach der Rechtfertigung der Corona-Maßnahmen aufgrund der Virus-Gefahr und der Notwendigkeit der Eindämmung der Krankheit Folgendes:
 
Ein „Lockdown“, d.h. eine Schließung der Demokratie ist verfassungswidrig und muss auf den Widerstand aller Demokraten treffen. 
 


Der Linke Andrej Hunko (MdB) auf der Kundgebung "Die Gedanken sind frei" am 16. Mai in Aachen. 
Bild: Kritische Aachener Zeitung/CC BY-2.0

 
Das ist absolut richtig. Frage mich nur: Wo sind diese Demokraten aus der Linken und wo ist ihr Widerstand materiell auf den Straßen sichtbar? Wer erhebt die Stimme? Wer hinterfragt? Wer ist hier der Skeptiker in der Partei? Finde den Ansatz von Andrej Hunko gut, der am 16. Mai 2020 in Aachen demonstrierte. Aus seinem Redemanuskript geht aber hervor, wie groß der Rechtfertigungsbedarf noch ist. Und hier muss sich dringend was ändern. Sonst gehören die Straßen Deutschlands bald dem rechten Widerstand und nicht der linken Revolution. Hunko schreibt, und dies sollte uns zum Nachdenken anregen:
 
„Ich spüre seit einigen Wochen einige wachsende Sorge in Teilen der Bevölkerung, dass es im Zuge zu einem längerfristigen Abbau von Grund- und Freiheitsrechten kommen kann, wie es Edward Snowden hier ausdrückt, „The virus is harmful, the destruction of rights is fatal“, eine Sorge, die sich bei vielen mischt mit der wachsenden Sorge um die eigene soziale und wirtschaftliche Situation, weil die Konsequenzen des Lockdown erst langsam spürbar werden. Diese Sorge braucht eine demokratische Ausdrucksform und Versammlungen wie diese hier sind ein ur-demokratisches Recht, um sich ausdrücken zu können.“  
 
Das Motto von Hunko am Ende seines Manuskripts lautet: Bleibt gesund und bleibt kritisch! Ich würde hinzufügen: Bleibt skeptisch!




Courtesy of ProMosaik/Tlaxcala
Source: https://promosaik.blogspot.com/2020/05/demokratie-und-die-notwendigkeit-der.html
Publication date of original article: 23/05/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=29000

 

Tags: Die Gedanken sind freiDemokratie & SkepsisAndrej HunkoCoronavirus-KriseDeutschland, bleiche Mutter
 

 
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