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 31/05/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
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 EUROPE 
EUROPE / Corona-Epidemie: Warum der Lockdown gelockert werden kann
Date of publication at Tlaxcala: 17/04/2020
Translations available: English 

Corona-Epidemie: Warum der Lockdown gelockert werden kann

Werner Vontobel

 

Neueste Zahlen des BAG (Schweizerisches Bundesamt für Gesundheit) zeigen, wie hoch das Risiko ist, sich bei der Erwerbsarbeit anzustecken und dann an Covid-19 zu sterben.

Zunächst: Erwerbsarbeit an sich ist nicht ganz ungefährlich. Da sind einmal die Arbeitsunfälle. Gemäss der Suva erleiden 63 von 1000 Vollbeschäftigen jedes Jahr einen Berufsunfall. Und

    berufsbedingt sterben jedes Jahr 2-3 Menschen je 100'000 Vollbeschäftigten.

Dazu kommen jährlich etwa 2400 anerkannte Berufskrankheiten. Wie viele davon tödlich enden, ist nicht bekannt. 20 bis 30 Prozent der Arbeitnehmenden – also gut eine Million – sind zudem von psychosozialen Risiken betroffen. Der Arbeitsplatz ist also ein nicht ganz ungefährliches Pflaster.

Und nun kommt das Corona-Risiko noch dazu. Wie gross diese Gefahr ist, kann man anhand der neuesten Zahlen des Bundesamts für Gesundheit BAG einigermassen abschätzen: Danach sind in der stark ins Erwerbsleben eingespannten Altersgruppe der 20- bis 60-Jährigen bisher 24 Frauen und Männer an den Folgen einer Corona-Erkrankung gestorben. Selbst wenn man annimmt, dass sich die allermeisten davon bei der Arbeit oder auf den Arbeitsweg angesteckt haben, sind das weniger als 20 arbeitsbedingte Corona-Opfer. Bezogen auf die 4,3 Millionen Vollzeitstellen in der Schweiz sind das statistisch rund

    zusätzlich etwa 0,5 Corona-Todesfälle pro 100'000 Vollbeschäftigte.

Von den 24 Corona-Toten der 20- bis 59-Jährigen entfallen nicht weniger als 19 auf die 50- bis 59-Jährigen. Ihr Risiko, an Corona zu sterben, liegt somit um den Faktor 3,2 über dem Schnitt der ganzen erwerbstätigen Bevölkerung. Konkret sind das etwa 1,5 Todesfälle pro 100'000 Vollzeitstellen. Selbst wenn die Corona-Pandemie noch etliche Monate anhalten sollte, läge also auch für diese Altersgruppe das Corona-Risiko im Bereich eines „normalen“ Arbeitsunfalls, sprich von

    zusätzlichen 2 bis 3 Corona-Todesfällen pro 100'000 Vollzeitstellen.

Und dabei sprechen wir hier bloss von der Spitze des Eisbergs der arbeitsbedingten Gesundheitseinbussen.

Das Risiko der Altersgruppe ab 50 dürfte deshalb höher sein, weil der Anteil der Vorerkrankten deutlich höher ist als bei den Jüngeren. Nehmen wir etwa das Beispiel des erhöhten Blutdrucks. Darunter leiden 18 Prozent der 50- bis 59-Jährigen, aber nur etwa 6 Prozent der jüngeren Arbeitnehmer. Mit einem Anteil von 22 Prozent sind die Männer überdurchschnittlich stark betroffen. Das, sowie der generelle Anstieg der Bluthochdruck-Patienten sind Indizien dafür, dass der zunehmende Stress des Berufslebens an unserer Gesundheit nagt.

http://tlaxcala-int.org/upload/gal_22309.jpg

Quelle: Situationsbericht zur epidemiologischen Lage in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein

Die Corona-Verstorbenen hatten sich vor dem Lockdown angesteckt

Nun mag man argumentieren, dass die Zahl der bisherigen Corona-Todesfälle nur deshalb so überschaubar ist, weil ein grosser Teil der Arbeitnehmer entweder nicht, kurz oder von zuhause aus arbeitet. Doch man muss dazu wissen, dass von der Ansteckung bis zum (eventuellen) Todesfall im Schnitt etwa vier Wochen vergehen. Die allermeisten Todesopfer haben sich somit schon vor dem Lockdown und vor den Schutzmassnahmen mit der Corona-Virus angesteckt.

Inzwischen haben wir punkto Sicherheit am Arbeitsplatz grosse Fortschritte gemacht und mit einer Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr könnte die Gefahr einer Ansteckung weiter deutlich reduziert werden.

«Für das Geschäft werden Menschenleben geopfert»

Wer eine Lockerung des Lockdowns fordert, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, wegen dem «schnöden Geld» Menschenleben zu opfern. Das ist nicht ganz falsch, blendet aber aus, dass wir der Wirtschaft – dem schnöden Mammon – schon immer Menschenleben und Gesundheit geopfert haben. Es geht nicht anders.

Schliesslich produziert «die Wirtschaft» auch Dinge und Dienstleistungen, die unser Überleben sichern oder unser Leben erträglicher machen.

Wenn wir den «Blutzoll», den das Wirtschaftsleben fordert, effizient und ohne allzu grosse Verluste verringern wollen, müssen wir an anderen Schrauben drehen. Die tödlichen Arbeitsunfälle konnten wir in den letzten Jahrzehnten erfolgreich halbieren. Leider hat aber der Stress und haben die psychischen Schäden unnötig stark zugenommen.

Und nicht zuletzt fordert auch eine Fortsetzung des Lockdowns seine Opfer. Denn das Bangen um den Job, die Arbeitslosigkeit und die Angst vor massiven Einkommensverlusten bergen erhebliche gesundheitliche Risiken. Nur werden die Zahlen der Betroffenen nicht täglich aufaddiert.

Welche Verletzten, Kranken und Toten zählen mehr?

Was wiegt nun schwerer? Diese oder jene Kranken, Verletzten oder Toten? Die vergangenen Wochen haben die Frage klar beantwortet: In der öffentlichen Meinung wiegen diejenigen Daten schwerer, die präzise und mit hoher Frequenz beziffert werden können. Das gilt vor allem dann, wenn man mit diesen Daten exponentiell steigende Kurven zeichnen kann. Flachen die Kurven hingegen ab oder zeigen sie gar deutlich nach unten, neigen sie dazu, aus den Zeitungen verschwinden.

Quellen: Unfallstatistik UVG; BAG zu Corona





Courtesy of InfoSperber
Source: https://www.infosperber.ch/Artikel/Gesundheit/Corona-Epidemie-Warum-der-Lockdown-gelockert-werden-kann
Publication date of original article: 17/04/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=28693

 

Tags: Coronavirus-KriseArbeitsunfälleLockdownSchweiz
 

 
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