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 17/02/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
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EUROPE / Angekommen: der lange Marsche der Linkspartei zur Etabliertheit
Date of publication at Tlaxcala: 07/02/2020
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Angekommen: der lange Marsche der Linkspartei zur Etabliertheit

Thorsten Holzhauser

 

Der Zeithistoriker reibt sich die Augen. Seit der Landtagswahl in Thüringen diskutiert die CDU, ob sie Ministerpräsident Bodo Ramelow im Amt halten soll. Dieser wird gemeinhin als „konservativer Sozialdemokrat“ beschrieben, gehört aber der Partei „Die Linke“ an. Diese wiederum beschwört den „Konsens der Demokraten“ gegen den politischen Extremismus. Vor einem Vierteljahrhundert sah die Lage noch anders aus. Damals wurde die „Partei des demokratischen Sozialismus“ (PDS), wie sie zu dieser Zeit hieß, selbst als extremistisch bekämpft. Jede Kooperation mit ihr galt als ebenso gefährlich wie geschichtsvergessen, und der „Konsens der Demokraten“ war das Schlagwort, auf das sich all jene beriefen, die sich für die Isolation oder gar für ein Verbot der „SED-Nachfolgepartei“ aussprachen.



Auf den Müllhaufen der Geschichte?
Plakate zur Wahl der Volkskammer der DDR 1990 in Ost-Berlin AKG

Die Integration der PDS und die Frage des Umgangs mit ihr gehörten in den neunziger Jahren zu den großen Streitthemen der wiedervereinten Republik. Gleichwohl haben sich die Historiker bislang kaum mit der Verwandlung der SED in die PDS und dieser in die Linkspartei beschäftigt. Das mag auch damit zusammenhängen, dass politische Parteien aktuell nicht im Zentrum der Geschichtswissenschaft stehen. Dabei verrät ein zeithistorischer Blick auf die Geschichte der heutigen Linkspartei viel über die politisch-sozialen Entwicklungen der Bundesrepublik in den vergangenen drei Jahrzehnten: Der Werdegang der Partei verband sich mit zentralen Debatten über das Ende der alten Bundesrepublik und den Umgang mit der DDR, die Herausbildung eines globalen, „neoliberal“ verfassten Kapitalismus und nicht zuletzt den Wandel des Politischen in einem vermeintlich „postideologischen Zeitalter“. Vor allem aber erlaubt ein neuer, quellengestützter Blick auf die Geschichte der Linkspartei eine Neuinterpretation dessen, was die Partei eigentlich war und sein wollte und wie sie zu dem wurde, was sie heute ist. Dabei zeigt sich, dass die Integrationsgeschichte der PDS im vereinten Deutschland viel weniger durch ihre Gegnerschaft zum „System“ Bundesrepublik geprägt war, als durch den Willen ihrer Führungsgruppen, in der Bundesrepublik anzukommen und anerkannt zu werden.

Die Geschichte der PDS begann im Dezember 1989. Noch hieß die Partei SED und herrschte über die DDR, doch ihre Vormacht wankte. Die alte Garde um Erich Honecker und Egon Krenz hatte abgedankt, die Partei und ihr Staat erodierten und die neue Führung um Gregor Gysi stand vor der Frage, welchen Weg man beschreiten sollte: abdanken und die Partei auflösen – oder weitermachen und retten, was zu retten war?

Für Gysi kam die erste Variante nicht in Frage, und so versprach er Wandel und Kontinuität zugleich: durch eine radikale Erneuerung sollte dreierlei erreicht werden: Die Partei sollte fortbestehen, sie sollte weiterregieren, und sie sollte weiter an der Spitze einer reformierten, aber sozialistischen DDR stehen. Dazu gab man sich einen neuen Namen, eine neue Struktur und ein neues Programm. Der „demokratische Sozialismus“ war nun die Losung, und noch glaubte die Parteiführung, auch in freien Wahlen die Oberhand zu behalten. Sie irrte sich. Die „Nachfolgepartei“ verlor die Volkskammerwahl, die Regierungsmacht und schließlich auch ihren Staat. Mit dem Ende der DDR stand die PDS endgültig vor der Frage, ob sie in einem vereinten, demokratischen und kapitalistischen Deutschland noch eine Rolle spielen könnte.

Zunächst sah es nicht danach aus. Von einstmals mehr als zwei Millionen Mitgliedern war Ende 1991 kaum mehr ein Zehntel übrig, und die Partei produzierte Negativschlagzeilen am Fließband. Da war erstens der Versuch, einen Teil des Milliardenvermögens der SED beiseitezuschaffen, auf Auslandskonten zu parken oder in eigens dafür gegründete Firmen zu verschieben. Die von der Volkskammer eingesetzte „Unabhängige Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR“ (UKPV) kam 2003 zu dem Ergebnis, die PDS habe von Beginn an eine „Strategie der Vermögensverschleierung“ betrieben.

Da waren zweitens die vielen Stasi-Affären um Abgeordnete und Funktionäre, in denen sich die Parteiführung regelmäßig auf die Seite der Beschuldigten stellte: Die PDS sei eben bunt und nicht einfarbig, so der spätere Bundesvorsitzende Lothar Bisky, der seit 1963 der SED angehört hatte. Und drittens war da die Frage des Umgangs mit der Vergangenheit. Viele in der Partei, allen voran die „Kommunistische Plattform“, hielten das Ende der DDR für eine kapitalistische Gegenrevolution, und die 23 Jahre alte Sahra Wagenknecht bewunderte öffentlich die Modernisierungspolitik Josef Stalins.

Dass die SED 1946 durch eine „Zwangsvereinigung“ begründet worden war, dass die DDR ein „Unrechtsstaat“ war und dass das Regime für Tod, Elend und Verfolgung verantwortlich war, wollte die Partei nicht eingestehen. Versuche, die diktatorische Vergangenheit aufzuarbeiten, die totalitären Seiten des SED-Regimes offenzulegen und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen waren für die meisten in der PDS ein Ausdruck westlicher Rachementalität: „Siegerjustiz“ war das Schlagwort.

Auch deshalb hielten die Konkurrenten Abstand. Die SPD hatte schon im Dezember 1989 eine „Kontaktsperre“ verkündet. Die früheren „Blockparteien“ versuchten die eigene Vergangenheit an der Seite der SED vergessen zu machen. Und die bürgerlichen Kräfte im Westen untermauerten ihre antikommunistische Identität durch Abgrenzung von der PDS. Gemeinsamer Nenner war das „ungeschriebene Gesetz der Bundesrepublik“, dass man Parteien „mit zweifelhaftem demokratischen Leumund isolieren“ müsse, wie es der Historiker Heinrich August Winkler formulierte. Solange sie den bundesdeutschen Rechtsstaat anzweifelte, die wehrhafte Demokratie als undemokratisch und den Parlamentarismus als unzureichend kritisierte, blieb die PDS der Paria der bundesdeutschen Politik.

Es ging aber längst nicht nur um den demokratischen Verfassungsstaat. Auch dass die PDS von Kapitalismus und Imperialismus sprach, Westbindung und Nato-Mitgliedschaft ablehnte und die Maastrichter EU kritisierte, galt als Ausweis ihres Extremismus. Letztlich wurde die Partei stets an jenem politischen Generalkonsens gemessen, wie er sich in vier Jahrzehnten Bundesrepublik herausgebildet hatte: Das Verhältnis zur parlamentarischen Demokratie, zum Antitotalitarismus, zur Marktwirtschaft und zur Westbindung blieben die zentralen Prüfsteine für jede politische Partei.

Was die PDS jedoch nach außen hin isolierte, trug erheblich zu ihrer inneren Stabilisierung bei. Im Angesicht der Kritik von allen Seiten verschanzten sich die Mitglieder in der „Wagenburg“ PDS. Den Herrschenden im Westen gehe es darum, linke Opposition zu unterdrücken und den Ostdeutschen die Identität und damit die Voraussetzung für eine selbstbewusste Vertretung ihrer Interessen zu nehmen, so der Vorwurf. Identitätsfragen rückten jetzt nach vorn: Die Partei sprach von den „etablierten Parteien“ statt vom „Großkapital“, von den „Ostdeutschen“ statt von der „Arbeiterklasse“ und konstruierte „den Osten“ als politisches Subjekt, das den „kolonialistischen Charakter der deutschen Vereinigung (. . .) zu spüren“ bekomme.

Die PDS festigte sich damit als emotionale Gemeinschaft des SED-Milieus, und zugleich machte sie sich zum Sprachrohr all jener, die sich im vereinten Deutschland ebenso fremd und marginalisiert fühlten wie die Partei selbst. Dass die deutsche Einheit und die postsozialistische Transformation mit ihren tiefen Einschnitten in die Lebenswirklichkeit der ostdeutschen Bevölkerung hierfür viel Raum boten, ist unbestritten. Die PDS wiederum erprobte jene Rolle als „vox populi“, die ihr später zum bundesdeutschen Durchbruch verhelfen sollte.

So erfolgreich diese Strategie auch war – das Ziel der Parteispitze war ein anderes. Seit Dezember 1989 lag die Führung in der Hand der sogenannten Reformsozialisten um Gregor Gysi und André Brie, der in jenen Jahren als „Chefstratege“ der Partei bekannt wurde. In Wahrheit sah die Gruppe um Brie im Westen gar kein Feindbild. Vielmehr hatten sie in den achtziger Jahren dem westlichen System positiver gegenübergestanden als manche Grüne und SPD-Linke. Im Gegensatz zum Realsozialismus, so ihre Wahrnehmung, habe es die bürgerliche Gesellschaft vermocht, sozialen Ausgleich, Konsens und die „soziale Integration auch systemkritischer Kräfte“ zu garantieren. Selbst dem sozialstaatlich regulierten Kapitalismus der alten Bundesrepublik konnten sie einiges abgewinnen.

Für „Reformer“ wie Gysi und Brie konnte es daher nicht darum gehen, sich auf Dauer in Abgrenzung zum Westen zu definieren. Vielmehr verfolgten sie das Ziel, in der Bundesrepublik „anzukommen“ und „mitzuspielen“, statt nur „am Rande zu stehen“, wie es die Akteure selbst ausdrückten. Der Wunsch nach Akzeptanz durch die westdeutschen Eliten in Politik und Wirtschaft wurde zum wesentlichen Antrieb der PDS, dem zeitweise mehr Bedeutung beigemessen wurde als jedem anderen strategischen Ziel. Dass sich der Habitus der Abgrenzung mit diesem Ziel ebenso wenig vertrug wie der Anspruch, den Kapitalismus zu überwinden, gehört zu den großen Aporien der Geschichte der PDS.

Oft sah man Gysi nun in den Fernsehsendungen „Sabine Christiansen“ und „Talk im Turm“, die für die Meinungsbildung des Landes zunehmend wichtig wurden. Im Archiv der Rosa-Luxemburg-Stiftung finden sich reihenweise Grußbotschaften und Freundlichkeiten, die der PDS-Vormann mit Abgeordneten aus allen Bundestagsfraktionen austauschte. Gysi pflegte aber auch Kontakt mit Kirchenleuten, Unternehmern und Vorständen, selbst führende Unionspolitiker empfanden ihn als angenehmen Gesprächspartner, dem nicht gerade „die Schlechtigkeit aus jedem seiner Knopflöcher herausschaute“, wie Wolfgang Schäuble es einmal formuliert hat.

Mit seinen bürgerlichen Manieren, seinem Charisma und seiner Rhetorik vermochte es der Anwalt Gysi sogar, die Stasi-Vorwürfe gegen seine Person beiseitezuschieben. Mehr noch: Der bekennende Sozialist wurde zum Prototyp des postideologischen Politikers. Seine Ironie und seine Dialektik, seine Bereitschaft zum kalkulierten Tabubruch und seine politische Geschmeidigkeit passten perfekt in die zeitgenössische Vorstellung, dass die harten ideologischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts vorüber seien und man die Vergangenheit ruhen lassen müsse.

Bald schon waren es Gysis Gegner, die als Relikte des „Kalten Kriegs“ bezeichnet wurden, zumal ihre Überzeugungskraft schwand: Als der CDU-Kandidat Frank Steffel im Berliner Wahlkampf 2001 vor einer kommunistischen Machtergreifung warnte, zeigten sich die Hauptstadtmedien skeptisch, sah man Gysi und Steffel doch hinter den Kulissen amüsiert mit einem Glas Wein anstoßen.

Während Gysi also salonfähig wurde, festigte seine Partei ihren Platz in der postsozialistischen Gesellschaft. Dort galten die Stadträte und Gemeindevertreterinnen der PDS ohnehin als „ganz normale Leute“, die in Kleingärtnervereinen oder in Mieterinitiativen aktiv waren. Dass sie besser als andere die „täglichen Sorgen“ der Ostdeutschen aufgriffen, wurde in den neunziger Jahren zum Topos, den auch politische Gegner bemühten. Bald schon war von der „Volkspartei des Ostens“ die Rede.

Aber auch koalitionspolitisch gelang es der Partei seit Mitte der neunziger Jahre immer besser, ihre anfängliche Isolation zu überwinden. Die „Rote Socken“-Kampagne, mit der die CDU im Bundestagswahlkampf 1994 vor einer „Linksfront“ warnte, war schon damals umstritten und ihre Wiederauflage vier Jahre später ein Fehlschlag. Die Wahlerfolge der PDS nährten den Zweifel, ob es sinnvoll sei, sie auf Dauer zu isolieren und ihr so Protestwähler zuzutreiben. Zugleich verbreitete sich die These, dass die PDS unter Gysi und Bisky einem „postkommunistischen Lernprojekt“ glich, das integriert und domestiziert werden könne. Selbst der brandenburgische Verfassungsschutzpräsident Wolfgang Pfaff sah das so: Die Partei sei weit weniger radikal als die südhessische SPD der siebziger Jahre. Und wenn der „Systemwechsel“ damals ausgeblieben sei, müsse man bei der PDS auch keine Sorge haben.

Die Probe aufs Exempel fand dort statt, wo die SED-Nachfolger wieder Macht übernahmen. Weder in Sachsen-Anhalt, wo man seit 1994 eine rot-grüne Minderheitsregierung tolerierte, noch in den rot-roten Landesregierungen von Mecklenburg-Vorpommern (1998–2006) und Berlin (2002–2011) standen die Zeichen auf Systembruch. Ein ums andere Mal trug die PDS missliebige Entscheidungen mit, um den Bestand der Koalition nicht zu gefährden. Sie stimmte im Bundesrat für rot-grüne Projekte, die sie als unsozial und neoliberal geißelte, und brachte mit Sparmaßnahmen und Privatisierungen die eigene Basis gegen sich auf. Gregor Gysi lobte die „Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft“, und die Partei berief sich neuerdings auf den „rheinischen Kapitalismus“ als Erfolgsmodell. Als die Parteiführung in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2002 vier Jahre rot-roter Regierung bilanzierte, mischten sich Stolz und Ernüchterung: Zwar habe sich die Hoffnung auf einen echten Politikwechsel in keiner Weise erfüllt, die PDS aber sei zur „systemtragenden Kraft“ geworden.

Die Strategie der Reformer, nach und nach die Kanten der PDS zu schleifen, stieß aber an Grenzen. Insbesondere das Verhältnis zur eigenen Geschichte bot Anlass zur Kritik, und zwar bis heute. Auf jedes Schuldeingeständnis folgten Einschränkungen und Gegenvorwürfe, und kaum eine Stellungnahme über die Vergangenheit kam ohne koalitionspolitischen Druck von außen oder empörten Widerspruch von innen aus. Als erinnerungspolitische Gemeinschaft blieb die Partei bis zuletzt der SED-Tradition verhaftet – zumal ihre Narrative in Ostdeutschland weite Verbreitung fanden, wie gerade die Debatte um den Unrechtsstaatsbegriff zeigt.

Auch in der Außen- und Sicherheitspolitik misslangen alle Versuche, die PDS auf mehr Flexibilität und Pragmatismus zu trimmen. Stattdessen mussten sich die Parteieliten ihren Spielraum in der Innenpolitik durch Schärfe in der Außenpolitik erkaufen. Im Kosovo-Konflikt etwa warfen auch die zahmsten Reformer der Nato „Angriffskrieg“ und „Bombenterror“ vor.

Schließlich blieb auch die erhoffte West-Expansion zunächst aus. Auf dem Boden der „alten“ Bundesrepublik galt sie noch immer als quasi-kommunistische „Ostpartei“ mit totalitären Altlasten. Und im Osten? Da befand sich die PDS schon um die Jahrtausendwende in einer ähnlichen Situation wie heute: Ihr liefen die Protestwähler weg. Wenn die vermeintliche Alternative selbst zum Establishment gehörte, warum sollte man sie dann noch wählen? Die Quittung erhielt die Partei bei der Bundestagswahl 2002. Sie scheiterte an der Fünfprozenthürde. Es folgten Existenzkrise, Machtkampf und Zerreißprobe. Der von Gysi und Brie repräsentierte Integrationspfad schien in eine Sackgasse geführt zu haben.

Der Ausweg kam mit der „Agenda 2010“. In der Opposition zu den rot-grünen Arbeitsmarktreformen der Jahre 2003 bis 2005 sah die PDS die Chance, sich wieder zu profilieren. Die Polarisierungsstrategie der neunziger Jahre wurde wiederbelebt. Nur ging es jetzt nicht mehr gegen „die da drüben“, sondern gegen „die da oben“. Ziel war es, die „Gefallenen der kapitalistischen Expansion“ (Franz Walter) zu erreichen, und zwar in beiden Teilen des Landes. In dem vormaligen SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine fand sie hierfür einen neuen Volkstribun, der sich an der SED-Vergangenheit nicht störte. Und dass die Partei im Bundestagswahlkampf 2005 von DGB, Verdi und IG Metall als wählbar und demokratisch geadelt wurde, trug entscheidend dazu bei, enttäuschte SPD- und Nichtwähler, Erwerbslose und Arbeiter zu mobilisieren. Nun erst gelang der Sprung nach Westen. Aus der „SED-Nachfolgepartei“ wurde die gesamtdeutsche „Linkspartei“.

Für die Integrationspolitik der Reformer war die West-Expansion der Jahre 2005 bis 2010 aber ein Erfolg mit Nebenwirkungen. Denn die gesamtdeutsche Linkspartei war noch heterogener und zerstrittener, als es die PDS je gewesen war. Im Westen setzte die Partei nicht auf Pragmatismus und Kooperation, sondern auf Polarisierung und Abgrenzung: Sie rekrutierte sich nicht nur aus sozialdemokratischen Gewerkschaftern, sondern auch aus Kommunisten und Trotzkisten, und sie sprach eine fluktuierende Protestwählerschaft an, die sich als „das Volk“ verstand. Entsprechend agitierte Oskar Lafontaine schon 2005 gegen „Schandgesetze“ und „Wahlbetrug“, warnte vor „Fremdarbeitern“ und „Parallelgesellschaften“ und galt schon bald als „deutscher Jörg Haider“, der gezielt die Grenzen dessen überschritt, was gerade Linke für gut und anständig hielten. Fortan stand Lafontaine zusammen mit Sahra Wagenknecht für eine Partei, die sich als Schutzmacht vor den Gefahren der globalisierten Moderne gerierte. Diese Rolle spielten die beiden auch in der Euro-Krise seit 2010 sowie in der Migrationsdebatte ab 2015.

Dafür ernteten sie viel Gegenwind aus der eigenen Partei – allen voran von Katja Kipping, die 2012 den Parteivorsitz übernahm. Mit Kipping, Jahrgang 1978, rückte eine neue Generation an die Spitze, die aus der männlich, nostalgisch und national orientierten Altherrenpartei eine jüngere, weiblichere und weltoffenere Kraft machen wollte. Man hatte es sichtlich auf ein linksgrünes Milieu in Städten wie Dresden und Leipzig, aber auch Hamburg und Bremen abgesehen, wo die Partei bei der Bundestagswahl 2017 denn auch zweistellige Ergebnisse erzielen konnte. Dass die Linkspartei in Bremen und damit erstmals in einem westdeutschen Bundesland mitregiert, ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen.

In den ostdeutschen Ländern wiederum setzten die Funktionäre den Kurs Bries und Gysis fort und hatten eine kooperationsbereite „Volkspartei“ vor Augen. Die Wahl Bodo Ramelows zum thüringischen Ministerpräsidenten im Jahr 2014 stand ganz in dieser Logik und war ein später Erfolg der Reformkräfte.

Knapp dreißig Jahre nach dem Ende der SED steht „Die Linke“ abermals an einem Scheideweg. Sollte es wirklich zu einer wie auch immer gearteten Zusammenarbeit zwischen einer links geführten Regierung und der CDU kommen, wäre das ein neuerlicher Tabubruch, aber keine Revolution. Der Sozialismus wird mit Ramelow nicht zurückkehren, und selbst Sahra Wagenknecht zitiert schon seit einem Jahrzehnt lieber Ludwig Erhard als Josef Stalin. Die Art und Weise, wie die Partei mit ihrer eigenen Geschichte umgeht, hat schon in der Vergangenheit keine Koalitionen verhindert, und auch die Fundamentalkritik an den Vereinigten Staaten und der Nato hat im Zeitalter Trumps, Erdogans und Johnsons an Sprengkraft verloren. Zudem ist mit der „Alternative für Deutschland“ eine neue Partei entstanden, die der Linken die Rolle des Parias streitig macht.

Das zeigte sich bei den jüngsten Landtagswahlen mehr als deutlich: Während „Die Linke“ in Thüringen stärkste Kraft wurde und bei SPD-und CDU-Wählern punkten konnte, verlor sie Stimmen an die AfD. Auch in Brandenburg und Sachsen büßten die Linken viele Stimmen ein. Wer heute gegen „das System“ und „die Eliten“ ist, findet ein neues Angebot am rechtsradikalen Rand des Parteienspektrums. „Die Linke“ dagegen gehört selbst dazu.

Was also hat sich verändert: die Partei oder die Umstände? Die Antwort lautet: beides. Das Streben ihrer Führungskräfte nach Integration und Anerkennung hat die Partei stärker geprägt als lange Zeit wahrgenommen. Unter dem Mantel der Systemkritik hat die Linkspartei weitgehend ihren Frieden mit der Bundesrepublik gemacht und damit einen ähnlichen Weg eingeschlagen wie vor ihr die Grünen. Ihre zunehmende Integration verdankte sie aber auch den gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen dreißig Jahre. Da war zum einen der ökonomische Strukturwandel, der Ost und West in unterschiedlichem Maße betraf. Der Erfolg der PDS in den „neuen Ländern“ zeigte die Verwerfungen an, die Wiedervereinigung und Transformation hinterlassen hatten, und als der marktliberale Reformkonsens auch den Westen der Republik erreichte, erhielt die Partei ihre Chance zur Expansion. Wie zuvor im Osten repräsentiert sie auch im Westen die Kritikerinnen und Verlierer des gesellschaftlichen Wandels und profitiert davon, dass es der „modernisierten“ Sozialdemokratie immer weniger gelingt, diese Gruppen zu erreichen.

Das wiederum hatte zum anderen mit dem Wandel des Politischen im vereinten Deutschland zu tun. Die Veränderungen der Medienlandschaft waren wie dafür gemacht, einer polarisierenden Kraft wie der PDS die Bühne zu bereiten. Mit dem Abgesang auf das Zeitalter der Ideologien verblassten zudem die Feindbilder des Ost-West-Konflikts und mit ihnen seine Glaubenssätze. Die PDS musste sich vom Kommunismus verabschieden und sich neu erfinden. Sie übernahm nach und nach sozialdemokratische Positionen und versuchte sich an einem Populismus, der sich auf Identitäten beruft und alte Links-rechts-Gegensätze verwischt. Dies wiederum trug neue Konflikte in die Partei, die bis heute sichtbar sind. Während sich die Wahlergebnisse in Ost und West immer mehr angleichen, stehen Sahra Wagenknecht und Katja Kipping für zwei völlig unterschiedliche Antworten auf die globalen Herausforderungen von heute. Die Suche der Partei nach sich selbst ist längst nicht zu Ende, doch eines steht fest: Die Linkspartei ist unter den „Etablierten“ angekommen.

 

 





Courtesy of FAZ
Source: https://zeitung.faz.net/faz/politik/2020-02-03/angekommen/419369.html
Publication date of original article: 03/02/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=28002

 

Tags: SED-PDS-Die LinkeDDR-BDRWendeDeutschland, bleiche MutterDeutsche Parteipolitik
 

 
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