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 20/07/2018 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 UMMA 
UMMA / Der iranische Nationalismus:
Wie der Ariermythos entstand
Date of publication at Tlaxcala: 23/03/2018
Translations available: فارسی 

Der iranische Nationalismus:
Wie der Ariermythos entstand

Charlotte Wiedemann شارلوته ویدمان

 

Aria – das war alten Quellen zufolge die Selbstbezeichnung von Persern und einigen anderen Volksgruppen, die vor mehr als vier Jahrhunderten von Norden her nach Indien und auf die iranische Hochebene wanderten. Der französische Orientalist Abraham-Hyacinthe Anquetil-Duprron (1731-1805) stieß auf den Begriff in der „Avesta“, der älteste Sammlung zoroastischer Texte, die er als Erster in eine europäische Sprache übertrug. Aus dem Französischen kam die Bezeichnung „arisch“ dann ins Deutsche. Später meinte der Romantiker Friedrich Schlegel, „aria“ sei mit dem deutschen „Ehre“ verwandt. Am Ende wurde arisch bekanntlich zum Synonym für nicht-jüdisch.

Zu seiner unseligen Karriere verhalf dem Wort die vergleichende Sprachwissenschaft, nämlich die Entdeckung, dass Griechisch, Latein, Sanskrit und Persisch gemeinsame Wurzeln haben; das brachte den Begriff der indogermanischen Sprachen hervor. Im 19. Jahrhundert verwob sich diese Erkenntnis mit den aufkommenden völkischen Ideologien: Die indogermanische Sprachfamilie galt nun als Beweis für die Wanderung einer bestimmten Rasse aus Indien durch Iran nach Europa. So geriet die Erfindung der arischen Rasse in die Schriften von Orientalisten über Indien und Iran – und wurde der von westlich gebildeten Einheimischen dankbar aufgegriffen. Hindus der höheren Kasten verlangten nun, als Arier wie Europäer behandelt zu werden; ein Privileg, das den unteren Kasten nicht zustehen sollte.

In der iranischen Literatur taucht der Begriff nejade-ariyayi, arische Rasse, vor Beginn des 20. Jahrhunderts nicht auf, schreibt Reza Zia-Ebrahimi, der in London über den iranischen Nationalismus forscht. Doch bereits während des Ersten Weltkriegs hätten einige Intellektuelle Deutsche und Iraner als „gemeinsame Rasse“ bezeichnet; das passt zur weitverbreiteten Abneigung gegen Briten und Russen, die Irans Wunsch, neutral zu bleiben, ignoriert hatten.

Mit Schah Reza wurde die Arierideologie ab 1925 Staatspolitik – und die Angelegenheit nahm nun eine erneute Wendung, die für das Thema Vielvölkerstaat bedeutsam ist. Reza verband den Rassemythos nämlich mit persischem Ethnozentrismus: Alle Iraner waren nun arische Perser; nicht-persische Sprachen wurden in Unterricht und Medien verboten, selbst auf dem Schulhof. Die kulturelle Vielfalt zu eliminieren, das diente dem Aufbau eines modernen Staates, wie Reza ihn verstand, homogen, Zentralistisch, autoritär.

Mohammad Reza Schah , Reza Schah

Sein säkularer Nationalismus rückte die vorislamische Geschichte in den Mittelpunk, das verhalf religiöse Minderheiten vor allem Juden und Baha’i zu mehr Schutz; das eigentliche Ziel war indes den Einfluss der schiitischen Geistlichen zurückzudrängen. Als ein Emporkömmling, der mit Hilfe der Briten an die Macht gekommen war, wollte Reza sich zudem von Vorgängerdynastie der aserbaidschanischen Qadscharen absetzen und seiner brandneuen Pahlavi-Dynastie einen Anstrich historischer Größe und ethnischer Höherwertigkeit verleihen.

In den Schulbüchern wurden Araber und Mongolen nun zu nicht-arischen Invasoren. Bald erfuhr das Rassedenken direkte Förderung durch das nationalsozialistische Deutschland, etwa mittels einer „Deutsch-Persischen Gesellschaft“ und des persischsprachigen Kanals von Radio Berlin.

Sympathien für die Nazis, für ihre Ideologie und Ästhetik waren damals im Nahen und Mittleren Osten verbreitet. 1932 gründete ein christlicher Journalist die „Syrische National-Sozialistische Partei“, die für ein Großsyrien und eine syrische Rasse eintrat.

Als Schah Reza sich 1934 beim Völkerbund ausbat, sein Land in den westlichen Sprachen nicht mehr Persien zu nennen, sondern Iran, verlangte er einerseits etwas Selbstverständliches: Ein Land so zu bezeichnen, wie sich selbst bezeichnete. Doch verhehlte der Kaiser nicht, dass er von Aufstieg des Nationalsozialismus zu profitieren gedachte. „Weil Iran die Geburtsstätte und der Ursprung der Arier war, ist es natürlich, dass wir aus diesem Namen einen Vorteil ziehen möchten.“ Schließlich bezeuge die Bedeutung, die neuerdings der arischen Rasse zukomme, „die Großartigkeit der Rasse und Zivilisation des alten Iran“.

Die Belohnung folgte 1936: Die Iraner wurden durch ein Dekret von den Nürnberger Rassegesetzen ausgenommen; sie waren offiziell reinblütiger Arier.

Und so seltsam es ist: Viele Iraner glauben an etwas Derartiges immer noch.

Markante Stereotype im Denken von heutigen Iranern stammen aus der Epoche von Reza Schah, haben mehrere Generationen und eine Revolution überlebt. Dazu zählt das Ressentiment gegenüber Arabern. Die „arabischen Invasoren“ wurden in den 1930-er Jahren zum Sündenbock, sie waren schuld, dass Iran nicht mehr so leuchtete, wie einst. Barfüßige, unzivilisierte Kameltreiber, ohne Interesse an Bildung und Wissenschaft, Heuschrecken und Eidechsen essend, so sahen die Araber selbst bei angesehenen Literaten wie Sadegh Hedayat aus. Manche Intellektuelle setzten Ehrgeiz daran, das Persische von arabischen Lehnwörtern zu reinigen.

Selbst von religiösen Iranern ist heutzutage zu hören, die Araber hätten außer dem Islam nichts von Wert im Gepäck gehabt. Zugleich wird das frühe Persien auch aus menschenrechtlicher Sicht idealisiert, ein Garten Eden ohne jegliche Willkürherrschaft. Solche Praktiken seien erst mit den arabischen, mongolischen, türkischen Eindringlingen gekommen.

Mit dem Rückgriff auf die vorislamische Epoche und der Selbstbeschreibung als „große Zivilisation“ ließ sich natürlich auch ein regionaler Machtanspruch begründen. Mohammad Reza, der letze Schah, nannte sich „Licht der Arier“, ein bis dato unbekannter Titel. Er erfand eine neue „königliche Zeitrechnung“, beginnend mit der Herrschaft von Kyros dem Großen 559 vor Christus; allerdings konnte diese sich nicht durchsetzen und hinterließ auf manchen Grabsteinen der 1970-er Jahre futuristisch wirkende Todesdaten. Der Schah erklärte es damals sogar zu einem „Zufall der Geografie“, dass Iran im Mittleren Osten liege und nicht in Europa. „Wir sind eine asiatische arische Macht, deren Mentalität und Philosophie jenen der europäischen Staaten nahesteht, vor allem Frankreich.“

Für den britischen Historiker Reza Zia-Ebrahimi deutet ein solcher Satz auf die tiefere Ursache des Arierdenkens: Minderwertigkeitskomplexe und „der verzweifelte Wunsch, etwas anders zu sein, als ein bloßer Orientale“. Die Iraner hätten die westlichen Vorurteile gegenüber der östlichen Welt verinnerlicht. Während der Nationalismus in den formell kolonisierten Staaten dazu diente, sich von Vorherrschaft zu emanzipieren, sollte er Iran dazu verhelfen, zu den Vormächten aufzuschließen. „Es war eine Strategie, um die traumatische Begegnung mit Europa und seine Modernität zu managen. Wenn die Iraner als Arier dazu bestimmt waren, einen höheren Rang innerhalb der Nationen einzunehmen, hatten sie eine Abkürzung zur Modernität gefunden…

Anscheinend war der Ariermythos für die iranische Identitätsfindung so wichtig, dass er selbst nach den NS-Vernichtungslagern keiner ernsthaften Überprüfung unterzogen wurde. Das gelte sogar für akademische Kreise, schreibt Zia-Ebrahimi. Der junge Historiker legt sich gern mit seiner Zunft im Iran an: Deren Geschichtsschreibung, obzwar mit wissenschaftlicher Anspruch, unterscheide sich wenig von Volkstümlichen „Selbstbedienungs-Nationalismus“ der iranischen Straße. Veraltete Bücher würden laufend nachgedruckt; neue kritische Darstellungen, die eher aus dem Ausland kommen, finden wenig Leser.

Das beste Beispiel für die irrigen Vorstellungen, die sich auf diese Weise halten konnten, sind nationalistische Annahmen über die Rolle der persischen Sprache: Persisch habe sich nach der arabischen Eroberung in Konkurrenz zum Arabischen und gar in Distanz zum Islam behauptet, als Träger einer höherwertigen Kultur. Das sei „eine romantische Idee“, kontert der angesehene Wiener Iranist Bert G. Fragner spöttisch. In Wirklichkeit blieb Arabisch lange die bevorzugte Sprache für Philosophie und Wissenschaft, bezeugt durch keinen Geringeren als den berühmten iranischen Arzt und Gelehrten Ibn Sina, den wir Avicenna nennen. Er schrieb im 11. Jahrhundert fast alles in Arabisch.

Persisch, so Fragner, etablierte sich aber neben dem Arabischen, wurde die Lingua franka eines wachsenden Raumes und transportierte schließlich selbst den Islam weiter nach Norden und Osten, bis den Mongolen im 13. Jahrhundert das Persische „als Sprache des Islam schlechthin“ erschienen sei. Und es waren dann türkische und mongolische Herrscher, die Persisch so pflegten und verbreiteten, dass es zur Verwaltungssprache wurde von Anatolien bis Indien, sogar nach China.

So wie die Sprache auf dieser langen Reise viele Einflusse aufnahm, manche behielt, andere unterwegs ablegte wie nutzlos gewordene Gewänder, so ist ganz Iran heute eine Synthese früherer Entwicklungen, eine große kosmopolitische Arena. Doch nur wenige betrachten ihr Land auf diese Weise. Auch bei den Reformkräften überwiegt die Vorstellung, die iranische Nation sei eine unveränderliche Größe, die immer wieder auferstand, weil sich alle Invasoren ihrer Jazebe, ihrer verführerischen Kraft, irgendwann unterwerfen mussten.

Wie kommt es, dass ein Nationalismus, der so sehr mit der Ideologie der Pahlavi-Ära verknüpft war, die Revolution überlebte?

Aus

http://tlaxcala-int.org/upload/gal_15563.jpg

 





Courtesy of DTV 2017
Source: https://www.dtv.de/buch/charlotte-wiedemann-der-neue-iran-28124/
Publication date of original article: 10/03/2017
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=23045

 

Tags: Iranische NationalismusAriermythosAriyaIranPahlavi
 

 
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