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 24/01/2018 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
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 UMMA 
UMMA / Iran: „Der Aufstand wird bald zusammenbrechen“
Interview mit dem Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan
Date of publication at Tlaxcala: 11/01/2018
Translations available: فارسی 

Iran: „Der Aufstand wird bald zusammenbrechen“
Interview mit dem Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan

Sonja Zekri - Tomas Avenarius

 

Beginnt mit den Protesten der lange erwartete „Iranische Frühling“? – „In den Augen der Gebildeten und der Mittelklasse wird das Aufbegehren zu nichts außer Blutvergießen führen“, sagt der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan in Teheran

Die Proteste begannen in der Provinz, aber sie haben die Hauptstadt erreicht. Dort setzen Sicherheitskräfte Tränengas gegen die Demonstranten ein: Eine Studentin auf dem Universitätsgelände, 30. Dezember 2017. Foto: DPA

 

Fast zwei Wochen dauern die Proteste in Iran schon an, und das Bild wird kaum klarer: Auf den Straßen treten Aufständische, Regime-Loyalisten und nun auch noch die gefürchteten Revolutionsgarden, die Pasdaran, gegeneinander an. Ist dies der „Iranische Frühling“? Kann der Aufstand das Mullah-Regime ins Wanken bringen? Der iranische Schriftsteller und Ingenieur Amir Hassan Cheheltan kommentiert die politischen Erschütterungen seines Landes seit Jahren. Seine Analyse am Telefon aus Teheran ist nüchtern, wenn auch nicht hoffnungslos.

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Amir Hassan Cheheltan

SZ:Wie ist die Lage in Teheran?

Amir Hassan Cheheltan: Ziemlich ruhig. Der Aufstand begann in der Provinz, in Chorasan im Nordosten Irans, und griff dann um sich. Die Hauptstadt erreichte er erst spät.

Warum begehrt die Provinz auf?

Die Proteste wurden in Maschhad von Angehörigen des Establishments angestoßen. Nach allem, was wir wissen, hing dies damit zusammen, dass Präsident Hassan Rohani im Dezember in einem Bericht an das Parlament zum ersten Mal den Haushalt des Landes offenlegte. Es zeigte sich, dass einige religiöse Stiftungen enorme Mittel aus dem Haushalt bekommen sollten, während die Unterstützung ärmerer Schichten gekürzt wurde. Die Iraner waren empört, aber auch einige konservative Kleriker. Die Offenlegung dieser Details brachte sie auf.

Die konservativen Kleriker gelten als korrupt, sie bereichern sich durch die Stiftungen. Sie haben viel zu verlieren?

Der Protest begann in Maschhad, einer tiefreligiösen, heiligen Stadt. Dann aber geriet er aus Kontrolle. Andere Protestierende reihten sich ein und beschränkten sich nicht auf Kritik an der Regierung Hassan Rohanis, sondern zielten auf das ganze System der Islamischen Republik.

Wer trägt den Aufstand? Arbeiter ?Angestellte? Die Landbevölkerung? Oder die Mittelklasse wie 2009 in der „Grünen Bewegung“ gegen die Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad ?

Im Vergleich zu 2009siehtmaneher Angehörige ärmerer Schichten. Es sind ja nicht die ersten Proteste. Die derzeit aktivsten Städtehaben in den vergangenen zwei Jahren schon häufiger soziale Unruhen und Streiks gegen die Arbeitslosigkeit erlebt.

Mancher im Westen spekuliert schon auf den Fall des Mullah-Regimes. Könnte der Aufstand die Islamische Republik stürzen?

Das glaube ich nicht. Wir hatten früher schon größere Aufstände, denken Sie an die „Grüne Bewegung“ 2009 oder die Massenproteste in Teheran im Sommer 1999. Inzwischen haben sich zwar die Friktionen in den verschiedenen Gruppen des Establishments vergrößert, das mag das System schwächen. Aber ich schätze, dass der Aufstand bald zusammenbrechen wird.

Wirklich? Die Regierung schickt die Revolutionsgarden in drei Provinzen, eine schwer bewaffnete ultraloyale Miliz. Zeigt das nicht – umgekehrt –, dass sie die Proteste sehr ernst nimmt?

Das stimmt. Sie versuchen, die Situation mit eiserner Faust zu kontrollieren. Siebieten alle Anhänger auf, über die sie verfügen.

Das scheint auch ein beachtlicher Teil der Bevölkerung zu sein. Inzwischen sieht man riesige Demonstrationen, die das Regime und den geistlichen Führer Ayatollah Ali Chamenei unterstützen. Das sind gewiss nicht alles politische Claqueure?

Zweifellos hat das System seine Unterstützer. Es sind häufig Menschen, die von diesem System, auch von den religiösen Stiftungen, profitieren. Ich schätze ihre Zahl auf zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung. Die Regierung kann sie leicht mobilisieren.

Sind das, wie man oft hört, Ungebildete, Ärmere, Provinzler?

Auch, aber man sieht außerdem Städter, Angehörige der Mittel-und sogar der Oberklasse. Allen gemeinsam ist, dass ihnen das Regime nützlich ist. Wir haben ja keine klare Einteilung der Gesellschaft mehr, sondern wirtschaftliche Klassenundkulturelle Klassen, Modernisierer und Traditionalisten. Sie alle leben Schulter an Schulter, aber in Parallelwelten. Das macht es so kompliziert. Die Wirtschaft alleine erklärt die Lage jedenfalls nicht.

Was sagen die Intellektuellen, Künstler, Literaten?

Fast alle schweigen. Sie halten es für verdächtig, dass der Protest von konservativen Angehörigen des Regimes ausgelöst wurde. Und bislang hat der Aufstand weder eine Führung noch konkrete Ziele oder eine Organisation. In den Augen der Gebildeten und der Mittelklasse wird das Aufbegehren zu nichts außer Blutvergießen führen.

Die Analogien zum Arabischen Frühling liegen nahe: Junge Menschen erheben sich für ihre Freiheit und Würde. In Syrien begannen die Proteste ebenfalls in der Provinz. Ein trügerischer Vergleich?

Er geht völlig in die Irre. Iran unterscheidet sich grundlegend von der arabischen Welt. Iran hat als erstes Land der Region ein Parlament bekommen, im Jahr 1906, es hat als erstes seine Ölindustrie verstaatlicht und die Monarchie durch ein Präsidialsystem abgelöst, und zwar nicht durch einen Staatsstreich, sondern durch eine Revolution. Wir sind eine erfahrene, reife Nation. Wir haben vor 40 Jahren die Revolution erlebt, den achtjährigen Krieg mit dem Nachbarn Irak. Wirh ben entsetzliche Repressionswellen durchlitten. 1988 wurden Tausende politische Gefangene exekutiert. Das sind unsere Erfahrungen.

Manches davon unterscheidet sich nicht sehr vomLeid der arabischen Nachbarn.

Die meisten Iraner haben verstanden, dass Demonstrationen schnell in Gewalt ausarten. Sie sind sich bewusst, dass unser Land im Zentrum einer extremexplosiven Region liegt. Keiner unserer Nachbarstaaten lebt in Frieden, weder der Irak, Afghanistan, Pakistan noch die Türkei. Die Menschen in der arabischen Welt waren sehr naiv zu Beginn des Arabischen Frühlings. Sie sahen nicht voraus, was das Ergebnisihrer Erhebung sein würde. Deshalb hat ihnen der Arabische Frühling auch rein gar nichts gebracht. Er ist gescheitert.

Aber ohne einen erfolgreichen Aufstand oder tief greifende Reformen der Islamischen Republik wird Iran nicht vom Fleck kommen, oder?

Ja, das stimmt. Ich will keine Revolution, sondern Reformen. Wir haben einen Haufen schwerwiegender Probleme, was die Meinungsfreiheit angeht, die Pressefreiheit, die Demokratie. Die Korruption ist uferlos. Die Privatwirtschaft leidet. Die Menschen klagen über Bürokratie, Armut, Arbeitslosigkeit und eine hohe Inflation. Drogensucht ist ein riesiges Problem. Ich verstehe Menschen, die auf die Straßen gehen, weil sie all das leid sind. Doch wer seinen Verstand gebraucht, begreift schnell: Solche Straßenproteste werden diese Probleme nicht lösen.

Der Arabische Frühling wurde zur „Sociamedia“-Revolution verklärt. Welche Rolle spielen die sozialen Medien wie Instagram und Telegram in Iran?

Eine enorme Rolle. Die gesamte Koordination über Tag und Ort der Proteste lässt sich über die sozialen Medien abwickeln.

Der amerikanische Präsident Donald Trump reist die Protestierenden, Israel lobt sie, Saudi-Arabien pflegt seinen Dauerkonflikt mit Iran. Wie sehen Sie die Rolle anderer Staaten?

Israel oder die USA machen es den Iranern nur schwerer. Israels Auftreten in Palästina oder was die USA in den vergangenen Jahrzehnten Iran angetan haben – die Regierungen dieser Staaten sollten sich heraushalten und schweigen. So leisten sie den Argumenten des iranischen Regimes Vorschub, das behauptet, der Aufstand sei vom Ausland organisiert, was eben nicht stimmt.

Kann sich das verknöcherte System der Islamischen Republik überhaupt reformieren?

Wenn der Druck hoch genug ist, werden die Machthaber aus historischer Erfahrung meist pragmatisch. In den Achtzigern hätte ich es nie gewagt, mit einer ausländischen Zeitung, mit deutschen Journalisten offen zu reden. Solche Verbesserungen wurden über 40 Jahre ununterbrochenen Konflikts erreicht. Ja, es geht quälend langsam. Aber es ist der einzige Weg, um demokratische Verhältnisse zu bekommen.

Und der Aufstand? Was geschieht nun?

Da die Forderungen der Menschen nicht so rasch erfüllt werden, wie sie es hoffen, und die alten Probleme bleiben, wird diese Bewegung zum Schweigen gebracht werden. Und nach ein paar Jahren werden wir den nächsten Aufstand erleben. 





Courtesy of Süddeutsche Zeitung
Source: http://www.sueddeutsche.de/kultur/iran-iranischer-fruehling-oder-blutvergiessen-1.3815664?reduced=true
Publication date of original article: 08/01/2018
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=22450

 

Tags: Iran StraßenprotesteRouhaniPasdaranCheheltan
 

 
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