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 24/09/2017 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 LAND OF PALESTINE 
LAND OF PALESTINE / Warum sind wir im Hungerstreik in Israels Gefängnissen?
Date of publication at Tlaxcala: 05/05/2017
Original: Why We Are on Hunger Strike in Israel’s Prisons
Translations available: Français  Español  Italiano  Português 

Warum sind wir im Hungerstreik in Israels Gefängnissen?

Marwan Barghouthi مروان البرغوثي

Translated by  Ellen Rohlfs اِلِن رُلفس
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Hadarim-Gefängnis, Israel-Nachdem ich  die letzten 15 Jahre in einem israelischen Gefängnis gewesen bin, bin ich Zeuge und Opfer eines israelischen illegalen Systems von willkürlichen Massenverhaftungen und Misshandlungen der palästinensischen Gefangenen. Nachdem wir alle anderen strapaziösen  Optionen  ausprobiert haben, entschied ich mich -- da es keine andere Wahl  für meinen  Widerstand gegen die Misshandlungen gibt ---    nun auch in den Hungerstreik  zu treten.

Etwa 1000 palästinensische  Gefangene haben sich entschieden, an diesem Hungerstreik teilzunehmen, der heute, am Tag der Gefangenen,  beginnt. Hungerstreik ist die friedlichste Form des gültigen Widerstandes.  Es fügt nur denen  Schmerz zu, die sich daran beteiligen, und ihren  Familienangehörigen, in der Hoffnung, dass ihre leeren Mägen und ihr Opfer ihnen helfen, dass  die Botschaft jenseits ihrer dunklen Zellen widerhallt.



Solidarität mit den Gefangenen in Ramallah im April. Foto
Issam Rimawi/Anadolu Agency, via Getty Images

 

Jahrzehnte der Erfahrung haben bewiesen, dass Israels unmenschliches System der kolonialen und militärischen Besatzung dahin  zielt, den Geist  der Gefangenen und des Volkes, zu dem sie gehören,  zu brechen, indem sie ihrem Körper Leiden und Schaden  zufügen, sie von ihren Familien  und Gemeinden trennen, demütigende Maßnahmen zufügen und so zur Unterwerfung zwingen. Trotz solcher Behandlung, werden wir nicht aufgeben. 

Israel, die Besatzungsmacht, hat das Völkerrecht in vielfacher Weise nahezu seit 70 Jahren verletzt und  wurde für seine Handlungen  trotzdem international  straflos gelassen. Es hat schwere Verletzungen der Genfer Konventionen  gegen das palästinensische Volk begangen; die Gefangenen, einschließlich Männer, Frauen und Kinder sind keine Ausnahme.

Ich war erst 15, als ich das erste Mal im Gefängnis war.  Ich war fast 18, als mich der israelische Verhörende    zwang,  im Verhörraum nackt  die Beine zu spreizen, um meine Genitalien zu schlagen. Ich  wurde vor Schmerzen ohnmächtig, und behielt  von diesem Fall eine bleibende Narbe auf meiner Stirn. Der Verhörende machte sich dann über mich lustig und sagte, ich könne nun nicht mehr  zeugen, weil Leute wie ich  nur Terroristen und Mörder zeugen würden.

 Ein paar Jahre später war ich wieder im Gefängnis und führte einen Hungerstreik durch, als mein erster Sohn geboren wurde. Statt wie üblich bei solchen Gelegenheiten  Süßigkeiten zu verteilen, verteilte ich Salz an die anderen Gefangenen. Als er kaum 18 war, wurde er verhaftet und war 4 Jahre in israelischen Gefängnissen.

Der Älteste meiner vier Kinder ist jetzt ein Mann von 31 Jahren. Doch  ich bin  immer noch hier und  verfolge diesen Kampf um Freiheit mit Tausenden von Gefangenen, Millionen von Palästinensern und der Unterstützung von so vielen in aller Welt. Wie ist es mit der Arroganz der Besatzer und Unterdrücker und ihrer Unterstützer, das sie für diese einfache Wahrheit  taub werden lässt: Unsere Ketten werden zerbrochen sein, bevor wir es sind, weil es zur menschlichen Natur gehört, den Ruf nach Freiheit zu  beachten,  ohne Rücksicht  auf die Kosten.

Israel hat fast alle seine Gefängnisse innerhalb Israels gebaut, und nicht in den besetzten Gebieten. Indem   es dies ungesetzlich tat, zwang es  palästinensische Zivilisten in die Gefangenschaft  und hat so eine Situation geschaffen, um  die Besuche von Familienangehörigen schwierig zu machen und das Leiden der Gefangenen zu erhöhen.  Es hat  Grundrechte, die das Völkerrecht  garantieren sollte   -einschließlich einiger, die durch vorige Hungerstreiks schmerzlich gesichert wurden- zu Privilegien, die das  Gefängnispersonal willkürlich gewährt oder  abspricht.

Palästinensische Gefangene und Verhaftete  hatten unter Folter und unmenschlicher, demütigender Behandlung und  medizinischer Vernachlässigung  zu leiden. Einige sind während der Haft getötet worden. Nach der letzten Zählung durch  den palästinensischen Gefangenenklub sind  etwa 200 palästinensische Gefangene seit 1967 auf Grund solcher Behandlungen gestorben. Die palästinensischen Gefangenen und ihre Familien bleiben auch ein erstes Ziel von Israels Politik der kollektiven Bestrafung. Durch unsern Hungerstreik  versuchen wir solche Misshandlungen zu beenden.

Während der letzten fünf Dekaden sind nach der Menschenrechts gruppe  Addameer mehr als 800 000 Palästinenser in Gefangenschaft  gewesen oder verhaftet worden – das sind über 40% der männlichen palästinensischen  Bevölkerung.  Heute sind über 6500 noch im Gefängnis, einige von ihnen haben die erbärmliche Auszeichnung, Weltrekorde über die längsten Haftzeiten von politischen Gefangenen zu haben. Es gibt kaum eine Familie in Palästina, die nicht einen oder mehrere Gefangene hatte.

Wie soll man über diese unglaubliche Situation Rechenschaft ablegen?

Israel hat ein duales Rechtssystem, eine Art juristischer Apartheid eingerichtet, die virtuelle Straflosigkeit für Israelis, die  Verbrechen gegen die Palästinenser  begehen, während  palästinensische  Präsenz und Widerstand kriminalisiert werden.  Israels Gerichte sind  Scharaden der Justiz, klare Instrumente der kolonialen, militärischen Besatzung. Nach dem US-Außenministerium ist die Verurteilungsrate  für Palästinenser  in einem  Militärgericht fast 90 %.

Unter den  Hunderten  von Tausenden von   Palästinensern, die Israel  gefangen nahm sind Kinder, Frauen, Parlamentarier, Aktivisten, Journalisten, Menschenrechtsverteidiger, Akademiker, politische Figuren, militante, Zuschauer , Familienmitglieder  von Gefangenen. Und all dies mit dem Ziel, die legitimen  Hoffnungen  einer ganze Nation zu zerstören.

Stattdessen sind Israels Gefängnisse die Wiege einer dauernden Bewegung für palästinensische  Selbstbestimmung  geworden. Dieser neue Hungerstreik wird noch einmal demonstrieren , dass die Gefangenenbewegung der Kompass ist , der unsern Kampf führt, den „Kampf für Freiheit und Würde“,  der Name, den wir für diesen neuen Schritt in unserm langen Weg zur Freiheit gewählt haben.

Israel hat versucht, uns  alle als Terroristen zu bezeichnen, um seine  Gewalt zu legitimieren, einschließlich  Massenverhaftungen, Folter, Strafmaßnahmen  und schwere Einschränkungen.  Als Teil Israelischer Bemühungen, den palästinensischen Kampf  für Freiheit zu untergraben,  verurteilte Israels Gericht mich zu fünf Mal lebenslänglich plus 40 Jahre im Gefängnis in einem politischen Schauprozess, der  von internationalen Beobachtern  verurteilt wurde.

Israel ist nicht  die erste Besatzungs- oder Kolonialmacht, die zu solchen Expedienten greift. Jede nationale Befreiungsbewegung in der Geschichte kann sich solcher  und ähnlicher Praktiken  entsinnen. Deshalb sind so viele Leute, die gegen Unterdrückung,  Kolonialismus und Apartheid kämpfen  mit uns. Die Internationale Kampagne Freiheit für Marwan Barghouti und alle palästinensischen Gefangenen, die die anti-Apartheid-Ikone  Achmed Kathrada und meine Frau Fadwa 2013 aus Nelson Mandelas früherer  Gefängniszelle  auf Robben Island lancierten, hat  die Unterstützung von 8 Nobelpreisträgern , 120 Regierungen und Hunderten von Führern, Parlamentariern, Künstlern, Akademikern weltweit erhalten.

Ihre Solidarität entlarvt Israels moralisches und politisches Versagen. Rechte werden nicht von einem Unterdrücker gewährt. Freiheit und Würde sind universale  Rechte, die der Menschheit angeboren sind, damit  sich jede Nation und  alle Menschen daran erfreuen können. Die Palästinenser  werden keine Ausnahme sein. Allein das Ende der Besatzung  wird die Ungerechtigkeit beenden und  die Geburt des Friedens markieren.

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: https://www.nytimes.com/2017/04/16/opinion/palestinian-hunger-strike-prisoners-call-for-justice.html
Publication date of original article: 16/04/2017
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=20416

 

Tags: Marwan BarghouthiPalästinensische GefangenePalästinensischer WiderstandZionistische BesatzungHungerstreikPalästina/Israel
 

 
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