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 19/01/2017 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 LAND OF PALESTINE 
LAND OF PALESTINE / Eine Musikschule in Gaza nutzt Mozart und Fairuz zur Verarbeitung von Kriegstraumata
Date of publication at Tlaxcala: 02/01/2017
Original: Gaza music school uses Mozart and Fairuz to overcome effects of war
Translations available: Italiano 

Eine Musikschule in Gaza nutzt Mozart und Fairuz zur Verarbeitung von Kriegstraumata

Ahmed Alkabariti أحمد الكباريتي

Translated by  Ellen Rohlfs اِلِن رُلفس  -  Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Direkt außerhalb eines Gebäudes im  Stadtteil Tal al-Hawa in Gaza versammelt sich eine Gruppe junger Leute unter einem Fenster, um die schöne klassische Musik zu hören,  die  aus einem Fenster ein  paar Meter über ihnen kommt.

 

Das Fenster gehört zu einer kleinen Wohnung, die als bescheidene Musikschule genutzt wird und infolge der stundenlangen Stromsperren in Gaza  ohne richtige Beleuchtung geführt wird. Die Musik spielt Raslan Ashour, 16,  der gerade Mozarts Exsultate,  Jubilate auf der Trompete übt.

Als er eine andere Melodie zu spielen beginnt,  beobachtet seine Lehrerin, Natasha Radawn ihn aus der Nähe und lächelt.  „Seine Leistung ist trotz kleiner Fehler viel besser als vorher“, meint sie.

Ashours Leidenschaft, orientalische und westliche, klassische Musik zu lernen, wurde von seiner Mutter nicht so gern gesehen, die meinte, ihr Sohn solle etwas  Sinnvolleres lernen, wie z.B  Management, um wie sein Vater im Modegeschäft zu arbeiten.

„Mein Vater ist derjenige, der mir die Trompete  kaufte. Ich habe einen Traum,  dass ich einmal einen Taktstock vor einem Orchester schwinge. Warum nicht? Ich würde gern so eine Person sein“, teilte Ashour Mondoweiss mit.

Raslan Ashour

Die Gaza-Musikschule entstand 2008 als Teil des Edward Said nationalen Musikkonservatoriums und wurde noch am Ende desselben Jahrs vom Krieg beschädigt. Said errichtete die Hauptstelle des Musik-Instituts in Jerusalem unter dem Slogan: heute ein Orchester, morgen ein Staat.  „Der Staat besteht nicht aus Steinstraßen und Gebäuden oder Wirtschaft. Der Staat ist Kultur“, sagte Suhail Khoury, Direktorin des  Konservatoriums,  in einer Erklärung von 2014.

Musikerziehung ist im Gazastreifen nicht üblich, aber jetzt versammeln sich fast 190 eifrige Studenten und Studentinnen in dem Räumen dieser Schule. Viele hoffen,  dass ihre  Instrumente ihnen helfen werden, von dieser turbulenten Situation  des belagerten Gazastreifens in eine völlig andere Welt zu gelangen.

Kuzam Hejjo

In einem der Räume hält Kuzam Hejjo, 11, ihr Cello, während sie versucht, Tschaikowskys „ Nussknacker“ von einem  alten Notenblatt zu lesen, das von ihrer Lehrerin aus Russland  nach Gaza  nach ihrer Eheschließung mitgebracht wurde.

„Ich stelle mich vor, ich sei eine echt kleine Person, die durch die Musik gehen kann und auf ihre Saiten rumzuspringen anfängt, wie Barbie Mariposa im Zeichentrickfilm“, sagte sie Mondoweiss.

Hejjos Eltern glauben, es sei an der Zeit, dass sie ihren Studien  mehr Aufmerksamkeit schenkt oder sich  einem Sport-Club  anschließt. Über die Hälfte der Schüler verlassen die Schule vorzeitig und schlagen andere Wege ein. Viele denken auch, dass es bei dieser politischen Situation im Gazastreifen nicht die richtige Zeit für Musik ist.

„Diese Instrumente und die Kunst der Musik im allgemeinen sind ein Teil des Krieges in Palästina, und sie spielen eine große Rolle, die nicht geringer als die der K47-Kugeln ist“, erzählt Yelina Lidawi, 28, eine Musiklehrerin aus Nordossetien. „ Die Musik ist ein Teil des  historischen Volkserbes und des historischen Kampfes“, fügt Lidawi hinzu.

Bilder von berühmten westlichen und arabischen Komponisten und Musikern hängen in der Schule

Aber Samy Rabah, 15, gehörte zu denjenigen, die die Schule verließen, nachdem er von den Freunden gehänselt wurde, als er auf Facebook ein Foto teilte, auf dem er Gitarre spielte. „Ich wurde mit dieser Hänselei einfach nicht fertig. Das Ganze erschien mir doof, und so dachte ich, dass ich mich wegen dieser Gitarre schämen musste“, meinte er.

Nachdem er die Musikschule verließ, schloss sich Rabah einem Jugendtrainingscamp an, das von der Hamas organisiert wurde. Er gehörte zu den 30.000 Jugendlichen, die sich diesen Camps anschlossen, um einige Wochen im Sommer hart zu trainieren. Rabahs Vater, der einen kleinen Lebensmittelladen führt, meinte: „Die Befreiung Palästinas braucht keine Musik und keine Trommeln. Denn Israel ist immer gut darin, die Kriegstrommeln ertönen zu lassen und uns jederzeit anzugreifen.“

Die turbulente Atmosphäre des Krieges und des Elends hat Narben bei den Kindern von Gaza hinterlassen. Sameer Zaqout, ein Psychologe des Gaza Community Mental Health Programme, berichtet, dass 73 Prozent der Kinder in Gaza an Verhaltens- und psychischen Störungen leiden, während 600.000 Menschen verschiedene psychologische Dienste in Anspruch nahmen.

Zaqout fügte hin, dass diese Art von Atmosphäre, die Jugend mit der Unterstützung der Eltern dazu führt, sich den Trainingscamps anzuschließen, als handle es sich dabei um eine Art von Rache, um dem Eindruck von Niederlage zu entgehen und die Gefühle von anhaltendem Verlust  zu überwinden.

Dagegen verhält sich Haiyfa Abu Shamlah, 13, unter diesen Umständen anders und geht weiter zur Musikschule. Mit ihrer Geige spielt sie ein berühmtes Lied über Palästina der legendären libanesischen Sängerin Fairuz mit dem Titel „Ich werde Palästina nie vergessen“.

Ihre Eltern ermutigen sie, wann immer es für sie möglich ist,  Musik zu machen, auch anlässlich der Familienfeste. „Musik bedeutet, andere froh zu stimmen. Ja, ich denke, dass sogar diejenigen, die anderen Leid zufügen und die  töten und zerstören, nichts dagegen hätten, mit Musik  Momente der Freude und des Glücks zu erleben“, meint Abu Shamlah.

Die Art des Glücklichseins, die sie wünscht, ist wegen der begrenzten finanziellen und technischen Möglichkeiten er Musikschule nicht leicht zu erreichen. Der Mangel an ausreichenden  Musikausbildungsprogrammen an den Universitäten in Gaza fordert die Zukunft der Musikerziehung schwer heraus und gefährdet die Ausweitung und das Heranwachsen einer Generation von Musikliebhabern in Gaza. 

Geigenunterricht

Alle Fotos sind von Mohammed Asad

 

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://mondoweiss.net/2016/12/school-overcome-effects
Publication date of original article: 16/12/2016
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=19580

 

Tags: Musikschule in Gaza GazaPalästina/Israel¨Musikunterricht
 

 
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