TLAXCALA تلاكسكالا Τλαξκάλα Тлакскала la red internacional de traductores por la diversidad lingüística le réseau international des traducteurs pour la diversité linguistique the international network of translators for linguistic diversity الشبكة العالمية للمترجمين من اجل التنويع اللغوي das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt a rede internacional de tradutores pela diversidade linguística la rete internazionale di traduttori per la diversità linguistica la xarxa internacional dels traductors per a la diversitat lingüística översättarnas internationella nätverk för språklig mångfald شبکه بین المللی مترجمین خواهان حفظ تنوع گویش το διεθνής δίκτυο των μεταφραστών για τη γλωσσική ποικιλία международная сеть переводчиков языкового разнообразия Aẓeḍḍa n yemsuqqlen i lmend n uṭṭuqqet n yilsawen dilsel çeşitlilik için uluslararası çevirmen ağı la internacia reto de tradukistoj por la lingva diverso

 21/08/2017 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 LAND OF PALESTINE 
LAND OF PALESTINE / Ein trostloses Weihnachten ruft die Katastrophe wach, die Bethlehem heimsuchte
Date of publication at Tlaxcala: 23/12/2016
Original: A Bleak Christmas in Bethlehem Evokes the Disaster That Befell It
Translations available: Français 

Ein trostloses Weihnachten ruft die Katastrophe wach, die Bethlehem heimsuchte

Gideon Levy جدعون ليفي גדעון לוי

Translated by  Ellen Rohlfs اِلِن رُلفس  -  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Die Illusion von Normalität an Jesu Geburtsort ist  durch den Anblick der Mauer, die die Stadt abwürgt, zerbrochen  - und der Siedlung rittlings auf dem naheliegenden Hügel.

Vor der Geburtskirche in Bethlehem, Dezember 2016. Foto Alex Levac/Ha'aretz

Als 2016 seinem Ende zuneigt, ist Bethlehem eine traurige Stadt. Die Melancholie ist allgegenwärtig: in den verschlossenen Souvenirläden, in den noch offenen aber leeren Läden, in den gästelosen Hotels, in den niedergeschlagenen Gesichtern der Einheimischen. Es stimmt, dass am Nachmittag der Obst- und Gemüsemarkt voller Leben ist und der Verkehr sich staut. Die Stadt  ist für Weihnachten auch festlich geschmückt worden: seine bunten Lichter leuchten in der Nacht. Sonst ist hier nicht viel los.

Die örtliche Polizei, die den Verkehr in der Nähe des Marktes leitet gibt eine Illusion von Normalität und einen Anschein von Souveränität.  Aber jede Illusion zerbricht beim Anblick  der Mauer, die die Stadt am Ende der Hauptstraße erdrosselt und der Siedlung Har Homa, ein jüdischer Vorort, der der Stadt aufgezwungen wurde, rittlings auf dem naheliegenden Hügel.

Bethlehem ist besetzt und erstickt. Dies macht sich  besonders in der Weihnachtszeit bemerkbar, wo man den Kontrast  zwischen  was diese schöne Stadt, Jesu Geburtsort, sein könnte und zu was sie reduziert wurde. Nächstes  Jahr  wird das Jubeljahr der Katastrophe sein, die sie heimsuchte.

Der traurigste  Ort der Stadt  ist möglicherweise da, wo wir das letzte Wochenende verbrachten: das Jacir-Palast-Hotel, früher das Intercontinental, die scheinbare Kronjuwele von allen Bethlehemer Hotels.  Ein Gebäudekomplex aus Stein mit einer feinen, ornamentalen Fassade; dieses teure Hotel hat ein großes Schwimmbecken, eine Menge öffentliche Plätze,  Tanz- und Konferenzsäle, Suiten,  Cafés, Bars und Restaurants, und ist ein großes Brachland. Lange  gedämpfte Korridore, die nirgendwohin hinführen, seit Langem ungenutzte Räume .Ein fünf-Sterne-Hotel mit mehr als 200 Zimmern, das verfällt.

Es gibt nichts Entmutigenderes als ein leeres Hotel. Es waren außer uns beiden nur noch drei andere Gäste im  Jacir-Palast-Hotel, ein Palästinenser aus Ramallah und ein arabisches Paar aus Haifa. Das Frühstückbuffet war üppig, aber die Tische  rund herum  waren  menschenleer. Eine Tourismus-Agentur aus Nazareth bot in dieser  Woche drei Übernachtungen mit Frühstück  während der Weihnachtswoche für 1050 Shekel  [= 260 €] pro Person. Aber es ist unwahrscheinlich, dass das Hotel  selbst zu diesem Preis voll wird.

Man kann sich leicht vorstellen, wie  dies Hotel an Wochenenden aussehen könnte: voller Touristen  aus  allen Ecken der Welt, Geschäftsleute, wohlhabende Pilger und auch Israelis am Wochenende.

Doch so schlimm es ist, es ist nicht die schlimmste Zeit. Vor beinahe fünfzehn Jahren, im März 2002 überfiel die israelische Armee die Stadt im Rahmen der Operation „Schutzschild“.  Die Armee übernahm das Hotel  und brachte seine Soldaten dort unter. Dies war wahrscheinlich das letzte Mal, dass das Hotel keine freien Zimmer hatte. Seitdem wurden die Räumlichkeiten alle renoviert und alle Schäden, die der IDF  verursachte, repariert, doch jetzt ist keine Seele zu sehen.

Draußen wird die Yasser-Arafat-Straße  zur Hebron-Straße.  Sie ist die Hauptverkehrsader, die die Stadt vom Norden zum Süden durchquert. Links vom Hotel liegt,  versteckt durch die Mauer, Rachels Grab, brandgeschädigt und matschig von aufgebrachten Demonstrationen, die hier gehalten wurden.

Ein Mitglied der palästinensischen Nationalen Sicherheitskräfte steht während einer Weihnachtsbaumbeleuchtung Zeremonie außerhalb der Kirche der Geburt in Bethlehem am 3. Dezember 2016. Foto Mussa Qawasma / Reuters

Im Norden  liegt Al-Aida, eines der kleinsten und trostlosesten Flüchtlingslager im Westjordanland. Eine Reihe von Kindern  und Jugendlichen sind hier  in den letzten Jahren getötet und  verletzt worden, als sie die Soldaten im befestigten Turm, der Rachels Grab beschützt, .in der Vergangenheit provozierten. In den letzten paar Monaten,  zwischen der Armee- Splitterschutzzelle und der Installation des großen Metall-Heimkehr-Schlüssels, der direkt über dem Lager-Eintrittstor errichtet wurde, entlang der örtlichen  Friedhofmauer ,  wurden große Mengen von Tränengasbomben verteilt, auch viel scharfe Munition abgefeuert und nicht wenig Blut vergossen. Und all dies  nur wenige hundert Meter vom Jacir-Palast-Hotel, wo an einem Dezember-Wochenende äußerste Stille herrschte.

Ich war hier, um an einer internationalen Konferenz von Kairos-Palästina, einer christlich-palästinensischen Bewegung, teilzunehmen, die sich auf religiöse  Komponenten des Kampfes  gegen die Besatzung konzentriert. Das Thema dieser Jahreskonferenz war „Glaube, Sumud (Standhaftigkeit) und kreativer Widerstand“. Die zweitägige  Veranstaltung wurde  von der früheren  Ministerin für Jerusalem-Angelegenheiten der Palästinensischen Behörde moderiert, Hind Khouri; der palästinensische Geistliche Rev. Mitri Raheb hielt die Eröffnungrede.

 Ein Gast erschien nicht: Dr. Isabel Phiri,  eine Leitende  Theologin des  Weltkirchenrates, der der Eintritt nach Israel vor ein paar Tagen verwehrt wurde, weil das WWC (Weltkirchenrat) den internationalen Boykott Israels unterstützt. Der WCC-General-Sekretär, Rev. Olav Fykse Tweit,  ein Norweger, dem es erlaubt war, nach Israel zu kommen, sprach auch  bei der Veranstaltung. Der Affront gegen seine Kollegin, die abgewiesen wurde und der Ärger, der von seiner Organisation empfunden wurde, war offensichtlich in seinen Bemerkungen, obwohl er sehr zurückhaltend war, wie es sich für einen skandinavischen Geistlichen gehört. Die WCC- Aktivisten in ihren braunen  Westen sind ein  familiärer Anblick in Bethlehem: die  vom  Morgengrauen bis zur Abenddämmerung am Checkpoint 300 stehen, um die  anhaltende  Situation dort zu beobachten. Dies ist die große harte  Übergangsstelle, an der Tausende von Arbeitern stehen, die die Genehmigung haben, Israel zu betreten und jeden Morgen gedemütigt werden. Die Zeugenberichte der Beobachter  an ihre Kirchen  sind ihre Sünde.

Aber die Kairos-Palästina-Konferenz  strahlte auch einen Grad von Optimismus  und Hoffnung aus, wie man es auch von christlichen Geistlichen erwarten kann. Ein Orchester und Sänger führten bewegende religiöse Hymnen auf Arabisch auf, nachdem „Biladi,Biladi“ die  palästinensische National-Hymne gesungen wurde.

Einer der Sänger war abwesend. Er war auf dem  Weg nach Bethlehem verhaftet worden und zwar am sogenannten Container-Checkpoint, der den südlichen Teil vom nördlichen Teil der Westbank teilt. „Seine Stimme blieb am Checkpoint“, sagte der Moderator poetisch.

Christliche  Geistliche in ihren Gewändern und Mitren; unter ihnen  war der frühere lateinische Patriarch von Jerusalem, der bejahrte und ehrwürdige Michel Sabbat.

Am Morgen mache ich einen Spaziergang in der sonnigen Yassir-Arafat-Str.. Auf dieser Straße war ich im März 2002 auf der Höhe der verlängerten  Ausgangssperre, den die IDF  über die Stadt verhängt hatte. Damals schrieb ich: So sieht die Stadt aus, die von der IDF (wieder)besetzt wurde: Die Hauptstraßen sind verlassen und mit Trümmern bestreut. Mächtige Panzerwagen stehen an allen Kreuzungen. Alle Türen, Fenster und Tore sind verschlossen. Die Straßen sind von den Raupen der Panzer verschrammt. Autos, die von den Panzern zerquetscht wurden, wurden zur Seite der Straße geschoben. Telefonzellen, Strommasten und Verkehrsinseln - alles zerstört. Steine, Ziegel, Haushaltsgegenstände, verbrannte Reifen, verrostete Kessel und alte elektrische Geräte liegen auf der Straße, vielleicht die Reste einiger schwacher Widerstandsversuche ... Die Todesstille, die in die Stadt eingetreten ist, wird periodisch durch den Austausch von Schusswaffen gebrochen. Ab und zu, knallt es in der Gegend ... Der Anblick erinnert an Sarajevo im Jahr 1993.

Einen Monat später kehrte ich in die Stadt zurück, um die Situation unverändert zu finden, und schrieb: An der Ecke der St.-Paul-V.- Straße und auf der Marktstraße sah ich die Errungenschaften dieses Krieges ... Ich war schon auf Straßen unter Ausgangssperre, aber niemals habe ich so eine Stille erlebt. Keine menschliche Stimme überquerte die Schwelle der Häuser, tödliche Stille, gespenstische Straßen. Die Stadt der Geburt (Jesu) ist die Stadt des Todes geworden.

Har Homa

Seitdem haben sich die Dinge natürlich geändert. Es gibt keine israelischen Soldaten, keine Panzer, nur die Mauer, Har Homa - buchstäblich "der Hügel der Mauer" - und die Depression. Am Freitagmorgen, dem Ruhetag der Muslime, erinnert die Atmosphäre in den Straßen der Stadt an einen Schabbat-Morgen in Israel. Eine Aura der Ruhe. Alles gibt Ihnen das Géfühl, sich im Ausland zu sein - schwer zu glauben, Sie nur ein wenig mehr als eine Autostunde von Tel Aviv sind. Der Gebrauch des Schekels ist eine schlichthaltige Erinnerung daran, wer hier das Sagen hat ist, wer souverän ist. Ein Tourist aus Venezuela zahlt einen Straßenverkäufer aus dem Deheishe-Flüchtlingslager mit einem Geldschein, der die Abbildung des Dichters Shaul Tchernikhovsky trägt. Könnte etwas verrückter sein?

Es sind diese seltsamen Szenen, die an einem schönen Freitagmorgen kräftig auf die schneidigen Fragen hinweisen: Was macht Israel hier? Mit welchem ​​Recht fährt es fort, das Leben der Menschen hier zu verwalten? Mit welchem ​​Recht?

Der Krippenplatz, vor der Kirche der Geburt, brummt mit Touristen. Gruppen von Pilgern aus Ghana und den Philippinen, aus Russland und Kolumbien strömen in die Kirche, die restauriert wird. Sehr wenige Pilger bleiben über Nacht in Bethlehem, zum Ärger der lokalen Hoteliers, Kaufleute und Straßenverkäufer. Aus dem Gepâckraum eines alten Opel, mit einem Generator auf dem Dach, bereitet ein Mann süße rosa, Zuckerwatte. Er dreht den Stock und bereitet mehr und mehr Bündel, in Plastik gewickelt, die er am Auto hängt. Es ist nicht wahrscheinlich, dass so viele dieser Süßigkeiten heute in dieser traurigen Stadt verkauft werden.

http://tlaxcala-int.org/upload/gal_14987.jpg

Im Restaurant Aftim Al-Yafawi, einem touristischen Lokal, das stolz darauf hinweist, dass es im Jahre 1948 gegründet wurde, kostet eine Mahlzeit von Hummus, Salat, Falafel mit einer Dose Sprite unglaubliche 15 Schekel [=3,75 €]. Und hier ist das Peace Center Restaurant, ein Souvenir aus den Tagen der Wahnvorstellungen, die sich rasch in die Vergangenheit zurückziehen und zu verblassenden Erinnerungen werden.





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://www.haaretz.com/israel-news/1.759270
Publication date of original article: 16/12/2016
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=19526

 

Tags: Weihnachten in BethlehemZionistische BesatzungPalästina/IsraelChristliche Palästinenser
 

 
Print this page
Print this page
Send this page
Send this page


 All Tlaxcala pages are protected under Copyleft.