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 27/06/2017 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 EDITORIALS & OP-EDS 
EDITORIALS & OP-EDS / Tlaxcala: „Sprachen sollten Brücken, und nicht Mauern, sein“
Date of publication at Tlaxcala: 21/01/2016
Original: “Languages should be bridges, not walls”: Tlaxcala
Translations available: Русский  Français  Italiano  Español  فارسی  Esperanto 

Tlaxcala: „Sprachen sollten Brücken, und nicht Mauern, sein“

Fact. International

Translated by  Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди

 

Ein Interview mit Fausto Giudice, einem der Koordinatoren von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt, aus Fact International, einer russischen Webseite auf Englisch.

Könnten Sie unseren Leserinnen und Lesern über die Tätigkeit Ihrer Webseite berichten? Warum wurde Ihre Webseite ins Leben gerufen? Was bedeutet ihr Name?

Tlaxcala ist ein Netzwerk freiwilliger Übersetzer, die ihre Arbeit auf ihrer eigenen Webseite veröffentlichen. Es wurde vor 10 Jahren durch Internetaktivisten gegründet, die dasselbe Bedürfnis hatten, die Übersetzungsarbeit zu organisieren und zu rationalisieren. Sehr oft ist der Übersetzer isoliert und arbeitet vollkommen alleine. Gleichzeitig muss auch die beste Übersetzung immer von einem Muttersprachler geprüft werden. Deshalb haben wir ein Netzwerk ins Leben gerufen, das die Möglichkeit bietet, eine Kooperation unter Übersetzern zu ermöglichen. Am Anfang waren wir nur zu Dritt, dann zu 5, zu 10 und nun zu 120, die natürlich verschieden involviert sind. Wir veröffentlichen Texte in 15 Sprachen. In fast zehn Jahren haben wir ungefähr 30.000 Artikel und Dokumente (Texte, Bilder, Videos und Audios) veröffentlicht.

Sehr bald, als wir begannen, über das Projekt zu sprechen, wurden wir uns über die Notwendigkeit einig, eine klare Grundlage unserer Arbeit zu schaffen. So verfassten wir ein Manifest, das unsere gemeinsame Philosophie und Grundprinzipien erklärt. Wir bitten jeden Übersetzer, der unserem Netzwerk beitreten möchte, es zu lesen und uns mitzuteilen, ob er/sie damit einverstanden ist. Wir wählten den Namen Tlaxcala aus, um die folgende Botschaft zu verbreiten: ein Volk oder eine Gemeinschaft, die von einem Reich unterdrückt wird, soll nie einem anderen Reich vertrauen, um seine Freiheit zu erlangen. Das Volk von Tlaxcala in Mexiko unterstützte die spanischen Eroberer, um das aztekische Reich zu zerschlagen. Aber nachdem die Arbeit der europäischen „Befreier“ erledigt war, kümmerten sie sich auch um das Volk von Tlaxcala, das seinerseits teilweise ausgemerzt wurde.

Unser Hauptziel besteht seit der Gründung darin, das imperialistische Monopol der englischen Sprache im Internet zu bekämpfen. Dieses Monopol ist nicht nur sprachlich: es ist kulturell, ideologisch und letztendlich auch politisch. In der Tat ist Neusprech, die Sprache, die das Ministerium der Wahrheit in Orwells Roman 1984 verwendet, Englisch! Die imperiale Herrschaft ist überall wahrnehmbar. Möchte nur ein Beispiel anführen: Die Vereinten Nationen haben sechs offizielle Sprachen - Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Arabisch und Chinesisch. So besteht auch eine Verpflichtung, alle Dokumente in diesen Sprachen zu veröffentlichen. Aber viele, wenn nicht die Mehrheit, der UN-Dokumente sind nur in englischer Sprache oder vielleicht noch auf Französisch oder Spanisch veröffentlicht, aber nicht auf Russisch, Arabisch oder Chinesisch. Einige sehr wichtige Berichte über Palästina und Syrien gibt es nicht mal in arabischer Sprache. Dasselbe gilt für viele internationale Organisationen unter  westlicher Führung, vom IWF bis zur EU. Man fängt an, deren Sprachen zu sprechen, und am Ende denkt man wie sie. Dazu kommt, dass die Mehrheit der englischen Muttersprachler, angefangen mit den 323 Millionen US-Amerikanern, einsprachig sind, was bedeutet, dass sie nicht in der Lage sind, eine andere Sprache außer Englisch zu sprechen. Dies trägt zu ihrer Indoktrinierung durch Einbahndenken bei, was die Franzosen pensée unique nennen. Texte aus anderen Sprachen ins Englische zu übersetzen, muss also als eine Art humanitärer Arbeit bzw. Therapie für gehirngewaschene Menschen betrachtet werden, um ihnen zu helfen, ihre verzerrte Sicht von, sagen wir mal, Palästina/Israel, Venezuela, den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, in anderen Worten der Rest der Welt, zu ändern.

Natürlich können wir mit den herrschenden Medien nicht konkurrieren, da diese eine Million mehr Mitteln haben als wir: gegenüber der großen Industrie sind wir nur Handwerker. Sie erreichen Millionen von Menschen, wir erreichen Zehntausende. Wir gehören aber auf jeden Fall zu den globalen, alternativen Medien, die eine nicht vernachlässigbare Auswirkung auf die herrschenden Medien und demzufolge auf die Meinungsbildung haben. Die Dokumente, die wir veröffentlichen, werden sehr oft wiederveröffentlicht und finden ihren Weg durch den Urwald des Internets. Da wir alle Freiwillige sind und unsere Arbeit vollkommen gemeinnützig ist, bringt dies sowohl Vorteile als auch Nachteile. Der Vorteil besteht in der vollständigen Freiheit von jeglichem Druck und von jeglicher Macht. Die Nachteile sind unsere extreme Armut, die uns nicht in die Lage versetzt, von dieser Arbeit zu leben. Daher müssen wir unsere Brötchen woanders verdienen. Dies schränkt die Möglichkeit unserer Mitglieder ein, eine regelmäßige Arbeit unter Termindruck auszuüben.

Einige der Regionen, auf die das Material auf Ihrer Webseite eingeteilt ist, überschneiden sich. Ist dies nicht verwirrend, wenn die Materialien veröffentlicht werden?

Keine Kategorisierungsweise ist perfekt. Wir haben die geographische und thematische Aufteilung vermischt. Dies zwingt uns manchmal dazu, auszuwählen, wo wir einen Artikel veröffentlichen. Wenn wir z.B. Material über den Konflikt zwischen Russland und der Türkei über Syrien haben, fragen wir uns, wo es hin soll. Soll es in den Bereich Umma (die arabisch-islamischen Länder, zu denen Syrien gehört) oder in den Bereich Europa (zu dem Russland gehört) oder zu den universalen Themen (da mehrere Länder involviert sind)? Wir entscheiden von Fall zu Fall. Das ist nicht so relevant, da die Menschen die Orientierung eher durch die Tags finden, die wir ans Ende jeden Artikels setzen als durch den Abteilungsnamen. Da aber bei uns die Analysen gegenüber den „heißen Nachrichten“ Priorität aufweisen, muss unsere Webseite als eine Referenzbibliothek mehr als eine Online-Zeitung gesehen werden. Die Artikel, die nach wenigen Stunden ihre Aktualität verlieren, interessieren uns nicht.

http://tlaxcala-int.org/upload/gal_12719.jpg

Jaume Plensa, Spillover II

Der russische, linksradikale Schriftsteller Tarasov besteht darauf, dass die Linken seltene Sprachen lernen und verwenden sollen. Er sieht diesen Ansatz als ein Mittel der Opposition gegen den Imperialismus. Welche Verbindung sehen Sie zwischen dem Anti-Imperialismus und der Unterstützung seltener Sprachen?

Weltweit gibt es 6  000 Sprachen. Jede zwei Wochen stirbt eine dieser Sprachen aus. Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden bis zum Ende dieses Jahrhunderts 90% der menschlichen Sprachen ausgestorben sein. In der Tat geschieht mit der sprachlichen Vielfalt genau das, was mit der Biodiversität geschieht, das von der globalen Erwärmung verursachte Artensterben. So sollten sich die Menschen dafür einsetzen, die sprachliche Vielfalt zu verteidigen und zu schützen wie sie sich für die Biodiversität einsetzen.

Um den Imperialismus effektiv zu bekämpfen, muss man mindestens zwei Sprachen kennen, und zwar die des Imperiums und die eigene, oder möglicherweise eine oder zwei andere Sprachen, um in der Lage zu sein, Allianzen aufzubauen. Wir haben auf Tlaxcala versucht, Abteilungen für die sogenannten seltenen Sprachen zu entwickeln: Esperanto (mit 100.000 bis 10 Millionen Sprechern) und Tamazight (45 Millionen Sprecher, aber mit keinem klaren Status in den Ländern, in denen die Sprache gesprochen wird, und zwar von Marokko bis Ägypten). Aber diese Abteilungen sind nicht so aktiv, da wir über unzureichende Humanressourcen verfügen. Die Möglichkeit zu haben, in so vielen Sprachen wie möglich veröffentlichen zu können, bleibt ein Traum, aber wir müssen der Realität ins Gesicht sehen: es ist schwierig, Menschen für Projekte zu mobilisieren, wenn man keine anderen Mittel als den guten Willen und ein paar Computer hat!

Nationalistische Bewegungen befürworten die verpflichtende Aufdrängung einer Nationalsprache innerhalb der Grenzen ihrer Staaten. Dieses Prinzip wird von der Türkei bis ins Extreme angewendet und auch von den ukrainischen Nationalisten verteidigt. Es gab den Versuch, die russische Sprache zu verbieten, der zum Katalysator des Antimaidan-Aufstandes in der Ukraine wurde. Sehen Sie eine Alternative zum Prinzip der verpflichtenden offiziellen Sprache?

Die alternative Antwort auf eine Ideologie kann nicht aus einer anderen Ideologie, sondern nur aus der Realität kommen. In sprachlichen Angelegenheiten, die zahlreiche Leidenschaften erwecken, besteht die einzige Methode darin, die Realität zu prüfen und Schlussfolgerungen aus der Realität zu ziehen. Die Kinder sollten immer Lesen und Schreiben in ihrer tatsächlichen Muttersprache erlernen und nicht in der „offiziellen“ Sprache, wenn sie Erwachsene werden möchten, die die Grundwerkzeuge gut beherrschen. Erst sobald sie diese Basisinstrumente gut beherrschen, können sie in eine zweite und dann in eine dritte Sprache eingeführt werden. Die meisten Länder des ehemaligen sozialistischen Blocks sind zwei- oder mehrsprachig. So sollten sie eigentlich mehr als eine Sprache als offizielle bzw. Nationalsprache haben. Den Fehler, den die meisten Nationalisten überall in der Welt begehen, ist, dass sie Sprachen zu Mauern machen, während sie hingegen Brücken sein sollten. Der algerische Schriftsteller Kateb Yacine sagte einmal „Französisch ist unsere Kriegsbeute“ und setzte sich für die Beibehaltung der französischen Sprache als eine Sprache für Algerien, neben Arabisch (und Tamazight, dem sogenannten Berberischen) ein.

Der Google-Onlineübersetzer steigert seine Kapazität. Zu seiner Liste werden immer mehr asiatische und afrikanische Sprachen hinzugefügt. Stellt dies nicht eine potentielle Bedrohung für Euer Projekt dar?

Ich träume von einem effizienten und zuverlässigen Werkzeug für die automatische Übersetzung. Denn so könnten wir unsere Zeit und Energie viel wichtigeren Aufgaben widmen. Aber der Weg ist noch weit. Wie Umberto Eco so schön erklärt: die automatischen Übersetzer werden mit Wörterbüchern anstatt mit Lexika gespeist. Sie können mehr oder weniger einfache, kurze Sätze übersetzen, aber für längere und komplexere Texte, ist das Ergebnis nur Mist. Denn. Und für die Prüfung einer automatischen Übersetzung braucht man ungefähr dieselbe Zeit wie für die direkte Übersetzung des Textes. Da wir alle Freiwillige sind und unsere Arbeit nicht entschädigt wird, haben wir nichts zu verlieren. So heißen wir jeglichen intelligenten Roboter willkommen! Добро пожаловать в любой действительно умного робота! Aber in der Zwischenzeit brauchen wir dringend neue Mitarbeiter, die aus dem Russischen und ins Russische übersetzen. Alle Freiwilligen sind somit willkommen! Schreibt uns! http://www.tlaxcala-int.org/contact.asp

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://fact.international/2016/01/languages-should-be-bridges-not-walls-/
Publication date of original article: 08/01/2016
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=17085

 

Tags: TlaxcalaSprachliche VielfaltÜbersetzung
 

 
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