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 02/12/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 EUROPE 
EUROPE / Die Hekatombe von Lampedusa, das Europa von Schengen und das Italien von Alfano
Date of publication at Tlaxcala: 08/11/2013
Original: La strage di Lampedusa, l’Europa di Schengen, l’Italia di Alfano
Translations available: Français  Español 

Die Hekatombe von Lampedusa, das Europa von Schengen und das Italien von Alfano

Annamaria Rivera

Translated by 
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

 

Angesichts der zigsten, diesmal horrend massiven Hekatombe, die der Ostrazismus an der Grenze verursacht, versucht man schon wieder den « Menschenschleppern » die ganze Verantwortung aufzubürden. Die Verhaftung eines Unglücklichen- selber meist ein Exilant oder Migrant - ist ein sanftes Ruhekissen für das pechschwarze Gewissen all derer, die zur Fortsetzung und Vermehrung des Massensterbens im Mittelmeer beitragen. Ziel ist es, einen Sündenbock aufzutreiben, um die Verantwortung der europäischen Entscheidungsträger und unserer PolitikerInnen sämtlicher Schattierungen zu vertuschen, die die Absperrung der Grenze und die Zurückdrängung der Migranten zum unantastbaren Dogma gemacht haben, ganz gleich, wie hoch die menschlichen Kosten sind. 

 
Vor kaum zwei Wochen erklärte die „Kriegstaube“ Angelino Alfano [Innenminister bei der „breiten“ Koalitionsregierung von Letta und Berlusconis vermutlicher Nachfolger an der Spitze vom „Volk der Freiheit, AdÜ], dass „die europäischen Grenze im Mittelmeer und die Rolle von Frontex verstärkt werden müssten, auch deswegen, weil Terrorzellen diese (Migrations)ströme als Tarnung benutzen.“ 
 
Da haben wir den Schlüssel, der nun nicht nur zur Unterdrückung jeder Dissidenz (als Beweis sei die Geschichte von No Tav angebracht) benutzt wird, sondern auch noch jede Schweinerei weiß waschen kann, sogar jene, die die Grenzen auslagert, die  Ausschaffungszentren finanziert, patrouilliert und Menschen zurückdrängt, und als „Kollateralschäden“ den Tod von Kindern und Frauen - darunter auch Schwangere - immer häufiger herbeiführt.
 
Napolitano [Staatspräsident und ehemaliger Kommunist, AdÜ] gebraucht keine anderen Worte: angesichts einer solchen Hekatombe hat er bis heute wie eine angekratzte Platte den Refrain wiederholt, dass es „vor allem gelte, den verbrecherischen Handel mit Menschen auszurotten“, durch „eine adäquate Überwachung unserer Küsten“ und Frontex als „eine leistungsfähige, durch die Europäische Kommission erschaffene Einrichtung“ zu verstärken. Jemand sollte ihm erklären (wie wir es seinerzeit versucht haben), dass dieser Massenmord genau so wie die vorigen direkt vom repressiven Systems des Schengener Raums herrührt, dessen verlängerter Arm Frontex ist, und dass dieses System die Unmöglichkeit festgelegt hat, in Europa legal einzureisen.
 
Wie die Leiche des Phöniziers Phlebas werden unsere Worte „leise entfleischt“, sie werden nicht wie im Gedicht von T.S. Eliot von unterseeischen Strömen, sondern vom schmerzlichen Ohnmachtsgefühl verzehrt, das angesichts jedes neuen Massentodes in uns wieder wach wird. Seit mindestens 20 Jahren wurde nichts geändert an den Anwendungsmethoden der Politiken, die den tragischen Rosenkranz der Leichen herunterbeten, welche im Mittelmeer untergehen oder auf unseren Küsten landen.
 
Trotz Cécile Kyenge [DIE Ministerin, die bei der Regierung Letta für die „Diversität“ herhält, AdÜ] bleibt alles beim Alten: schändliche Gesetze wie z.B. das unantastbare Gesetz von Bossi-Fini, die Kriminalisierung der illegalen Einwanderung, die übervorsichtigen Regeln, die das Asylrecht bestimmen - alles. Die bilateralen Abkommen, die mir den neuen Regimes südlich vom Mittelmeer unterzeichnet werden, sind genau die gleichen wie die früheren. Die Lebensverhältnisse der „Verdammten dieser Erde“, insbesondere in unseren Ex-Kolonien - Somalien und Eritrea - bleiben genau die gleichen, oder werden noch schlimmer, da sie zu einer endlosen, hoffnungslosen Abwanderung verurteilt sind. Auch sie - wie derzeit die Palästinenser, die sich aus Syrien flüchten, sind abermalige Flüchtlinge, die oft der libyschen Hölle zu Opfer fallen: rassistische Verfolgung und fürchterliche Haftzentren für AusländerInnen.
 
Als Einziges wachsen die Wildheit und die Brutalität - „Strenge und Effizienz“ benannt - der Politik und der Militäreinrichtungen des Krieges gegen die Migranten und Flüchtlinge. „Immer überzeugter werde ich“, schrieb vor elf Monaten in einem mutigen Aufruf Giusi Nicolini [Bürgermeisterin von Lampedusa und Linosa, AdÜ], „dass die europäische Einwanderungspolitik diesen Tribut an menschlichen Leben als ein Mittel betrachtet, die Migrationsströme zu verringern, oder gar abschreckend zu wirken.“ Und angesichts dieses maßlosen Massentods wagt es die Bürgermeisterin von Lampedusa heute, mit einem kleinen Satz - „Wir sollten sie selber holen“- dem faulen „gesunden Menschenverstand“ zu trotzen, der das Einwanderungsverbot und dessen menschlichen Kosten zum Naturgesetz gemacht hat. Und Nicolini zeigt mit dem Finger auf die Kriminalisierung der illegalen Einwanderung, die diesmal wie mehrmals schon dazu führte, dass einige Fischerschiffe den Flüchtlingen nicht zu Hilfe kamen, um nicht als Komplizen verfolgt zu werden.
 
Derzeit machen sich mitten im Chor der endlos wiederholten verbrecherischen Erklärungen selten ehrliche Stimmen hörbar. Abgesehen von Giusi Nicolini hörte man jene von dem Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für die Menschenrechte von Migranten François Crépeau, der ohne Umschweife erklärte, dass das Massensterben in Lampedusa „von einer repressiven Politik erzeugt sei“. Und Papst Bergoglio drückte sich ebenso unverblümt aus, und betonte dabei, dass man sich „schämen“ solle.
 
Es gibt aber auch welche, die keine Scham empfinden; jene, egal welcher politischen Orientierung, auf nationaler und europäischer Ebene, die Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht und sie dann dem Tod und dem Gemetzel preisgegeben haben. Sogar gewisse Katholiken schämen sich gar nicht, so z.B. der Innenminister, der sich erdreistete, nach Lampedusa zu fahren, nachdem er die oben zitierten, so zynischen Worte ausgesprochen hatte. Auch schämen sie sich gar nicht, jene Mitglieder der Nordliga*, die nicht davor schrecken, den Massaker „dem Paar Boldrini**/Kyenge“ zuzuschieben.
 
All denen wünschten wir gerne, dass Tausende Erblassener vom Grund des Mittelmeers wieder auftauchen und deren Gewissen mit ihrem Gemurmel entfleischen. Aber gleichzeitig versuchen wir noch einmal laut zu fordern, dass Kanäle für humanitäre Hilfe eröffnet werden, um den Opfern der Kriege und der Verfolgung die Möglichkeit zu geben, sich bei den europäischen Einrichtungen um Asyl zu bewerben, ganz gleich, ob sie aus Syrien, Libyen, Ägypten oder sonst woher kommen.
 
AdÜ:
*Nordliga: rassistische und ausländerfeindliche italienische Partei.
**Laura Boldrini: Präsidentin der Abgeordnetenkammer, Mitglied der Liste Linke, Umweltschutz und Freiheit.

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://temi.repubblica.it/micromega-online/la-strage-di-lampedusa-l%E2%80%99europa-di-schengen-l%E2%80%99italia-di-alfano/
Publication date of original article: 04/10/2013
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=10851

 

Tags: LampedusaFestung EuropaSchengenMassentod von MigrantenItalienEuropaEuropäische UnionLettaAlfanoBoldriniKyengeNapolitanoFrontexMigrationsströme
 

 
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